Ausländische Anleger ärgern sich über die deutschen Methoden der Aktienbewertung

Gewiß ist es übertrieben, die Aktienanlage als Wissenschaft zu betreiben. Zumindest der Privatanleger wird im Normalfall die Kurszettel in den Tageszeitungen nicht akribisch genau studieren und mit vielen komplizierten Berechnungen seine Favoriten auswählen. Andererseits dürfte ein solcher Aktionär aber auch nicht seinen Zeigefinger über dem Kursteil einer Tageszeitung schweben lassen und die Aktie kaufen, auf die er mit geschlossenen Augen getippt hat. Er will schon wissen, ob eine Aktie etwa teuer oder preiswert, wie ertragsstark das Unternehmen ist und welche Dividende gezahlt wird.

Damit er diese Informationen bekommt, sitzen in den bundesdeutschen Kreditinstituten Heerscharen von Analysten, die nichts anderes tun, als ihnen vertraute Unternehmen unter die Lupe zu nehmen. Sie sammeln Firmendaten, schätzen die zu erwartenden Unternehmensgewinne ab und versuchen, ihre Informationen in einprägsame Kennzahlen umzusetzen, damit der Anleger seine Kaufentscheidungen treffen, damit er gute von weniger guten Aktien unterscheiden kann.

Aber um die in der Bundesrepublik angewandten Methoden zur Bewertung der Aktien ist unter den Analysten ein Streit entbrannt. Vor allem geht es dabei um den Gewinn pro Aktie beziehungsweise das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Das KGV ist die wichtigste, am meisten verwendete Kennzahl, um die Qualität einer Aktie zu beurteilen.

Die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Anlageberatung (DVFA) hat schon vor vielen Jahren ein Schema entwickelt, um den sogenannten DVFA-Gewinn zu ermitteln, der dann bei der Aktienbewertung verwendet wird. Das ist eine komplizierte Formel, bei der zum ausgewiesenen Jahresabschluß außerordentliche und aperiodische Erträge und Aufwendungen hinzugezählt beziehungsweise abgezogen werden. Der Sinn und Zweck dieser Übung: Man will eine aussagefähigere Ertragszahl bekommen als den von Unternehmen leicht zu manipulierenden Jahresgewinn.

Die Absicht ist gewiß löblich, der Nachteil aber, daß der DVFA-Gewinn nicht direkt aus der veröffentlichten Bilanz abgeleitet werden kann. Die Analysten sind also entweder auf die Hilfe der Finanzchefs in den Unternehmen angewiesen, oder sie müssen sich in mehr oder weniger großem Umfang auf Schätzungen verlassen.

Und genau da setzt die Kritik an. Im Ausland hat man kein Verständnis dafür, daß für ein Unternehmen von den Banken unterschiedliche Gewinnschätzungen veröffentlicht werden. Wenn diese Schätzungen nur die künftigen Gewinne beträfen, so könnte man das sicher noch hinnehmen. Aber es ist schon einigermaßen kurios, daß für längst abgeschlossene Geschäftsjahre immer noch unterschiedliche Gewinne von den Kreditinstituten veröffentlicht werden.