München

Das Würmtal am Rande der bayerischen Landeshauptstadt gilt bei den Münchnern als gute Adresse. Und das Feodor-Lynen-Gymnasium (FLG), das hier vor neun Jahren erbaut wurde, steht im besten Ruf. Durch den Schulhof plätschert ein Bach an einem Alpinum und an Reispflanzen vorbei und mündet in einen Teich, an dem Quartaner Krötenpärchen beobachten und das Quaken von Grasfröschen auf Tonband aufnehmen.

Die Harmonie könnte bald empfindlich gestört werden, denn die Lehrer am Feodor-Lynen-Gymnasium drohen mit Dienst nach Vorschrift: Sie wollen Klassenfahrten und Besinnungstage, gemeinsame Museums- und Konzertbesuche streichen, die Aufsicht bei Schülerfesten verweigern, das Schultheater schließen. Sie planen, "alle über das Maß der Dienstvorschrift hinausgehenden schulischen Aktivitäten für ein Jahr einzustellen". Die Pädagogen sind empört darüber, daß sie aufgrund eines ministeriellen Erlasses "noch mehr arbeiten müssen als bisher".

Das Kultusministerium hatte, taktisch klug, einen Tag vor den großen Sommerferien des vergangenen Jahres verkündet, die Zahl der sogenannten Entlastungsstunden für die Lehrer der Kollegstufe würde deutlich verringert werden. Bislang waren solche Stunden auf die wöchentliche Pflichtstundenzahl angerechnet worden, dem Chemielehrer zum Beispiel, weil er das Schullabor hegt und pflegt, seinem Kollegen, weil er in der Oberstufe zwei Leistungskurse Deutsch unterrichtet und allein mit dem Korrigieren der Kursarbeiten angemessen beschäftigt ist. "So manche Anrechnungsstunde war Luxus", meint dazu Eduard Pütterich, Referent für die Kollegstufe im Münchner Ministerium. Das System der Anrechnungsstunden sei bei der Oberstufenreform 1977 in Bayern sicher sinnvoll gewesen, doch heute sei es nicht mehr vertretbar. Künftig sollen die Lehrer nun mehr Unterrichtsstunden geben; für die 28 Lehrer am Feodor-Lynen-Gymnasium heißt das: jeweils eine Stunde pro Woche mehr. "Das aber", so die Betroffenen, "hat das Faß zum Überlaufen gebracht."

Die den bayerischen Gymnasiallehrern verordnete Mehrarbeit entspricht, wie der Philologenverband errechnete, dem Gegenwert von etwa 300 neuen Planstellen. Das Ministerium hat diese Zahl sogar bestätigt. "Dafür war aber kein Geld da", sagt Eduard Pütterich. Und so bleibt es bei rund tausend arbeitslosen Lehrern in Bayern.

Schon 1973 wurde in einem Gutachten festgestellt, daß Gymnasiallehrer 45,6 Stunden pro Woche arbeiten (bei einem angenommenen Jahresurlaub von sechs Wochen). Seitdem haben sich die Belastungen eher noch erhöht: Die Pädagogen müssen mehr Verwaltungsarbeit leisten, immer mehr Kinder kommen aus schwierigen Familienverhältnissen, brauchen daher verstärkt Lernhilfe.

Die Lehrer klagen über fachliche Defizite: Der Alltagstrott lasse ihnen zu wenig Zeit zur Fortbildung. Walter Nagel, der seit 15 Jahren Deutsch und Englisch unterrichtet, fühlt sich erschöpft: "Ich bin viel zu oft inkompetent. Ich brauchte so etwas wie ein Sabbatjahr." Sein Kollege Klaus Zurwesten zum Thema Fortbildung: "Was bislang für uns angeboten wird, sind doch durch die Bank Scheißhäusl-Veranstaltungen, pädagogischer Wert gleich Null."