Von Hans-Jakob Stehle

Rom, im Februar

Der Menschheit ganzer Jammer packt ihn. Zwar tröstet sich der Papst auf der fünfzigsten Seite seiner 110 Seiten langen, der "sozialen Besorgnis" (Sollicitudo Rei Socialis) gewidmeten Enzyklika, es sei "nicht alles negativ in der Welt von heute", doch am Ende bezeichnet er seine Bilanz selbst als "vorwiegend negatives Bild". Fast ohne salbungsvolle Umschreibung, ja mit ungewöhnlich wenig kirchlichem Vokabular beschreibt Johannes Paul II. die materielle und moralische Misere als eine politische.

Sie ist aus seiner Sicht nicht nur im Süden der Erde, den ein immer breiterer Graben vom Norden trenne, sondern überall eine Folge der Spannung zwischen Ost und West, ein Ergebnis der ideologischen und militärischen Machtkonfrontation von zwei Blöcken, die der Papst – wie nie zuvor – in gleichem Maße anklagt: "Denn jeder dieser beiden Blöcke neigt dazu, sich rings umher weitere Länder oder Ländergruppen anzugleichen oder anzuschließen."

Gegen "den liberalistischen Kapitalismus wie den kollektivistischen Marxismus" richtet sich seine Kritik, denn "jeder der beiden Blöcke birgt auf seine Weise in sich die Tendenz zum Imperialismus". Da sie beide, anstatt zur Beseitigung des Elends beizutragen, Wirtschaftshilfe und Entwicklungspläne durch ideologische und Handelsbarrieren behindern, hingegen "fast ungehindert in alle Teile der Welt" Waffen schicken, machen sie sich des "Verrats an den berechtigten Erwartungen der Menschheit" schuldig. Während wirtschaftliche Ausbeutung, politische, rassische und religiöse Unterdrückung zunehmen, scheine sich das Bild der heutigen Welt, einschließlich der Wirtschaft, schneller und schneller auf eine tödliche Vernichtung hinzubewegen. Wenn "Entwicklung der neue Name für Frieden" ist – wie Paul VI. vor zwanzig Jahren gehofft hatte –, so sind für Johannes Paul II. "der Krieg und die militärischen Vorbereitungen dazu der größte Feind einer allseitigen Entwicklung der Völker geworden".

So beherrschend wird in diesem (zum größten Teil eigenhändig verfaßten) Lehrschreiben die pazifistische Tendenz, daß der polnische Pontifex andere Gefahren zum Teil nur beiläufig behandelt. "Unleugbare", wenn auch nicht einzige Ursache vieler Schwierigkeiten sei das Bevölkerungswachstum im Süden, aber auch der Geburtenschwund im Norden. Ohne das Reizthema Pille direkt zu diskutieren, verurteilt der Papst ausdrücklich "systematische Kampagnen" zur Geburtenkontrolle unter wirtschaftlichem Druck. Als soziale Übel wertet er die Verschwendungssucht und den Besitzkult der Konsumgesellschaft, den Mißbrauch der Pflanzen- und Tierwelt, die Umweltverseuchung und geistige Verelendung.

Vieles, was sich dieser sonst als konservativ verschriene Papst von der Seele schreibt, läßt sich politisch "grün", wenn nicht gar "rot" deuten und hat schon entsprechend Beifall oder auch Kritik ausgelöst. Ihn selbst, der sein Amt nach wie vor als unpolitisch verstehen möchte, kümmert dies nicht. Er verfügt ohnehin über ein religiöses Zauberwort, das alle Übel umfaßt: die Sünde.