Kiechles Golf-Sturm

Immer wenn Direktionsassistent Dr. Günter P. von der Europäischen Management- und Marketing-Agentur (EMMA) in diesen Tagen im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zu tun hat, fallen ihm dort Beamte auf, die in leicht gebückter Haltung und mit gefalteten Händen in den Korridoren herumstehen. "Üben Sie Demutsgesten angesichts des bäuerlichen Vertrauensverlustes", erkundigt sich Dr. Günter P., "oder beten Sie um schlechte Ernten, weil die Silos und die Garantiefonds in der Europäischen Gemeinschaft aus den Nähten platzen?"

Die angesprochenen Beamten schütteln die Köpfe und schwingen in den Hüften. Ungelenk, aber pflichtbewußt. Wie man es von Bonner Beamten erwarten kann.

Ein gut informierter Freund im Ministerium klärt Dr. P. auf: "Das sind Leute von Ignaz Kiechles GS-18."

"GS-18?"

"GS-18", sagt der Freund, "ist der Golf-Sturm des Ministeriums. Die Damen und Herren bereiten sich auf den Tag X vor."

"Wann ist der Tag X?"

"Wenn die Flächenstillegung von Agrarland in unserem Land auf breiter Front beginnt. Auf stillgelegten Flächen, zwanzig Prozent pro Anwesen, werden in großem Umfang Golfplätze angelegt. Erinnern Sie sich nicht, was unser Staatssekretär schon vor über einem Jahr angekündigt hat? Die ’Aktion Golfschläger statt Pflugscharen’."

Kiechles Golf-Sturm

"Ich habe das für einen Witz gehalten", gesteht Dr. P., "für eine Agiarsatire."

"In Bonn", erklärt ihm der Freund, "werden Satiren fast regelmäßig von der Realität eingeholt und überholt. Bonn ist bekanntlich die Stadt der Realsatiren."

Das leuchtet Dr. P. unmittelbar ein. "Ich weiß", sagt er, "daß Bundesminister Kiechle in der Europäischen Gemeinschaft für die Flächenstillegung gekämpft hat. Aber die Engländer waren doch dagegen. Sie wollten lieber die Agrarpreise senken. Aus Tradition, weil sie seit den corn laws an niedrige, subventionierte Lebensmittelpreise gewöhnt sind?"

"Nein, weil sie unsere Golfkrieger fürchten. Bernhard Langer ist doch nur ein Vorläufer. Die deutschen Golfklubs haben über siebzigtausend Mitglieder, lange Warteschlangen und nur zweihundert bespielbare Plätze. In Großbritannien gibt es zehnmal so viele. Dort bringt die Flächenstillegung nichts mehr für die Golfer. Aber bei uns kann die ’Aktion Golfschläger statt Pflugscharen’ einen Golfboom auslösen. Genau das, was der Boris-Steffi-Boom im Tennis ist. Und damit gehört uns die wirtschaftliche Zukunft."

"Wieso?"

"Golf und Wirtschaft korrelieren eng miteinander. Das Golfspiel und die industrielle Revolution haben beide in Schottland begonnen. Sie führten das viktorianische England zum Zenit seiner Macht. Dann wurden sie vor allem von Amerikanern und Japanern vorangetrieben. Übrigens entsprechen Golfplätze mit Nisthecken, Biotopen und Artenschutz für Pensionäre und seltene Vögel auch ökologisch präzise dem Geist der Zeit und den Leitlinien des ’Club of Rome’."

"Die Quadratur des Kreises", staunt Dr. P., "aber sollen die stillgelegten Flächen nicht als Grünbrache zur Tierfütterung genutzt werden?"

Kiechles Golf-Sturm

"Um neue Rinderberge und Milchseen zu erzeugen?" fragt der Freund zurück. "Genau das wollen wir doch vermeiden. Deshalb brauchen wir Golfplätze. Je mehr, desto besser. Die Einnahmen der Golfbauern werden die Kassen der Gemeinschaft wesentlich entlasten. Wir sparen Stillegungsprämien. Ein sauber geplantes Stück freie Marktwirtschaft, und endlich nährt die Scholle wieder ihren Mann!"

"Die GS-18 ist die Sturmspitze der Aktion?"

"Wir hoffen, daß der ehemalige Bundespräsident Scheel die Schirmherrschaft übernimmt."

Als Dr. Günter P. seine Informationen für die Geschäftsleitung der Europäischen Management- und Marketing-Agentur (EMMA) in einem vertraulichen Memo zusammenfaßt, erhält er prompt die Rückfrage: "Welche Folgerungen ziehen Sie daraus für unsere Arbeit?"

"Ich empfehle", notiert Dr. P., "unsere Schreibtische zu vermessen, zwanzig Prozent der Schreibtischflächen stillzulegen, bei der Europäischen Gemeinschaft eine Stillegungsprämie in Höhe des hier sonst durchschnittlich erwirtschafteten Umsatzes zu beantragen und diese Flächen für Tischfußball, Schach, Skat und ähnliches freizugeben."