Die Führungsrolle des Sowjets schen Parteichefs Michail Gorbatschow bleibt trotz einiger Rückschläge unangefochten.

Das machte das mit Spannung erwartete ZK-Plenum über die Bildungsreform deutlich, auf dem der Generalsekretär den Ton angab. Zwar erstattete der als Chefideologe und konservative Gegenspieler Gorbatschows geltende Jegor Ligatschow den Grundsatzbericht über die Änderung der 1984 vom damaligen Parteichef Tschernjenko vorbereiteten Schulreform. Doch während sich der zweite Mann der Partei weitgehend auf das Bildungswesen beschränkte, zog Gorbatschow in einer wesentlich längeren Rede über die "Revolutionäre Umgestaltung und die Ideologie der Erneuerung" die eigentliche Zwischenbilanz im Vorfeld der 19. Parteikonferenz im Juni.

Dabei entschloß sich Gorbatschow zu selbstbewußter Vorwärtsverteidigung: "Zum erstenmal seit Jahrzehnten spüren wir wirklich einen sozialistischen Pluralismus der Meinungen." Da sei es nicht verwunderlich, daß es in einigen Gemütern Verwirrung gebe, daß sich Verteidiger des Marxismus-Leninismus und Klageweiber für den Sozialismus erhöben, die beides, bedroht sähen. Ihnen sei entgegenzuhalten: "Nein, wir weichen nicht einen Schritt vom Sozialismus, vom Marxismus-Leninismus ab."

Die Aufgaben der Umgestaltung seien so zu lösen, "daß Initiative und Unabhängigkeit der Bevölkerung angeregt und ihre Passivität, ihre bürgerliche Abgestumpftheit, Apathie und Unfähigkeit zu unabhängigem Denken überwunden werden". Der sowjetische Parteichef räumte ein, daß diese Zielsetzung auf Widerstand stoße. Dem hielt er entgegen, daß es unumgänglich geworden sei, "unser politisches System umzugestalten". Es gehe allerdings nicht darum, das existierende System zu ersetzen, sondern "qualitativ neue Strukturen und Elemente" einzuführen.

Zur anhaltenden Diskussion über die Vergangenheitsbewältigung erklärte Gorbatschow: "Bedauerlicherweise hat es unmittelbar nach dem XX. Parteitag keine grundlegende Untersuchung unserer Geschichte gegeben. Später versuchten einige, sich um diese schwierigen Fragen zu drücken. Aber im ideologischen Leben darf es kein Vakuum geben, weil dieses sonst entweder mit primitiven Mythen oder mit fremder Ideologie gefüllt wird."

Der 67 Jahre alte Ligatschow dagegen beschränkte sich auf die Formel, in der Sowjetgeschichte habe es "Heroismus und Tragik" gegeben. "Einige Leute versuchen, unsere Geschichte als Kette von Fehlern und Verbrechen darzustellen... Indem sie das historische Erbe der Sowjetmacht fälschen, gehen sie so weit zu sagen, daß wir eine falsche Form des Sozialismus aufgebaut haben, stellen sie die sowjetischen Menschen als sklavische Naturen dar... All das erfolgt unter dem Banner der glasnost – ein schändliches Geschäft."

Doch auch der Chefideologe, der sich als permanenter Mahner vor zu großem Reformeifer versteht, setzte sich für "weitere Kritik" ein: "Mehr Sozialismus heißt auch größere Vielfältigkeit, Differenzierung der Ansichten, Wahrheit, die nicht aufgepfropft wird, sondern mit demokratischen Mitteln im offenen und fairen Vergleich der Positionen und Argumente herauskristallisiert und in der sozialistischen Praxis bestätigt wird."