Rückschlag für den Favoriten

Von Roger de Weck

Paris, im Februar

In den Meinungsumfragen war Raimond Barre obenauf. Er galt als der einzige ernst zu nehmende Herausforderer des linken Präsidenten François Mitterrand, der sich – das steht außer Zweifel – um eine zweite Amtszeit bewerben wird. Barre war der unbestrittene Favorit der französischen Konservativen mit einem fast uneinholbaren Vorsprung vor seinem rechten Rivalen Jacques Chirac. Doch binnen Monatsfrist haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Der gaullistische Premierminister Chirac trumpft plötzlich auf, der parteilose Ex-Premier Barre fällt zurück.

Es sind nur noch zwei Monate bis zu den Präsidentenwahlen. Zum ersten Wahlgang, Ende April werden voraussichtlich sieben Politiker antreten: der Sozialist Mitterrand, der Neo-Gaullist Chirac und der liberal-konservative Barre sowie als Zahl-Kandidaten der Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen, der Kommunist André Lajoinie, der dissidente Reformkommunist Pierre Juquin, die nimmermüde Trotzkistin Arlette Laguiller und schließlich der ziemlich "farblose Grüne" Antoine Waechter, ein weithin unbekannter Mann. Zum zweiten Wahlgang am 8. Mai werden dann nur noch die zwei Kandidaten mit den meisten Stimmen zugelassen: also Mitterrand und – Chirac oder Barre?

Die beiden Anführer des konservativen Lagers sind grundverschieden, sie verfolgen eine unterschiedliche Taktik. Ihren Premier Chirac nennen die Franzosen une bête de campagne, ein "Wahlkampftier". Wenn es darum geht, Hunderte von Händen zu schütteln, Massenversammlungen aufzupeitschen und gleichsam am Fließband Wahlversprechen zu machen, ist Jacques Chirac in seinem Element: locker, energisch, witzig, unkompliziert, leicht spitzbübisch, aber doch den nötigen Ernst zur Schau tragend.

Dem Professor Barre, den es beinahe zufällig in die Politik verschlagen hat, sind dagegen der Radau und die Rituale einer Wahlkampagne ein mittleres Greuel. Wenn Raimond Barre die Bühne betritt, Applaus aufbrandet, versenkt er sich leicht geniert in sein Manuskript, statt zu genießen, zu strahlen und den Saal weiter anzufeuern. Jeder spürt, daß er sich letztlich für den Wahlkampf zu fein ist, daß er, der Erhabene, der nüchterne Dozent der Volkswirtschaftslehre, der Verfasser eines klassischen Lehrbuchs der Nationalökonomie ("Le Barre"), der vormalige Vizepräsident der EG-Kommission zu Brüssel, der einstige Premierminister von Giscards Gnaden, der frühere Vorsitzende des großen Davoser Managersymposiums, daß dieser Einzelgänger, dem die Ochsentour erspart blieb, nur widerwillig in die politischen Niederungen hinabsteigt.

Sein Gegenspieler Chirac sorgt sich nicht ums Niveau; hemdsärmelig hat er sich schon immer wohl gefühlt, und einem gehörigen Schuß Demagogie ist er nie abhold gewesen. Allein letzte Woche kündigte Chirac großzügige Zusatzleistungen für Alte und Mütter an und vermeldete obendrein, Frankreich werde 1998 Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft sein. Anderntags dementierte freilich der Internationale Fußballverband: Von einer Zusage an Chirac könne keine Rede sein ...

Rückschlag für den Favoriten

Raimond Barre würde solch ein Fehler nicht unterlaufen. Zwar kommt auch er im Wahlkampf um Versprechen nicht herum, aber bei jeder geplanten Maßnahme gibt er gleich deren Preis bekannt. Er will auf Ratio, nicht auf Emotionen aufbauen: "Man rät mir: ‚Lassen Sie die Franzosen auch einmal ein bißchen träumen!‘ Aber nein: Damit die Franzosen träumen, müßte man sie zuvor einschläfern." Doch Barre möchte sie wachrütteln. Vor allem fordert er "große Anstrengungen", damit ein durch das sozialistische Experiment empfindlich geschwächtes Frankreich eines Tages wieder stolz auf sich sein dürfe. Effort, famille, patrie sind drei wiederkehrende Stichworte, die an das Leitmotiv des Generals Pétain ("Arbeit, Familie, Vaterland") gemahnen.

Auch Barre spricht jene Kreise an, die man la vieille France – das alte Frankreich – nennt: das Provinzbürgertum und die Notabeln, die solide, mitunter stockkonservative, meist parteienfeindliche France profonde. Aber zu Barres Wahlkampfveranstaltungen strömen auch viele Jugendliche, die seine kompromißlose Verurteilung jeglicher Fremdenfeindlichkeit à la Le Pen zu schätzen wissen. Und seine Anziehungskraft erstreckt sich auch auf die französischen Christdemokraten, die Mitterrands Wunschpartner für eine Mitte-Links-Koalition wären. Barre ist der Präsidentschaftskandidat der nicht gaullistischen Rechten, die in der einst auf Betreiben von Valerie Giscard d’Estaing gegründeten und äußerst heterogenen Union pour la Democratie Française (UDF) zusammengeschlossen ist. Unter diesem einsturzgefährdeten Dach hausen und befehden einander die Liberalen (Partie Republicain), die Christdemokraten (Centre des Democrates Sociaux) und Überbleibsel der ehemals übermächtigen Partie Radical wie weitere Splittergruppen.

Barre indes, der die Parteien geringschätzt und die Gefahr der "Parteienherrschaft über Frankreich" beschwört, ist folgerichtig nicht Mitglied der UDF. Dieser morschen Gruppierung, die ihn – teils halbherzig – unterstützt, begegnet er nur mit einer Art höflicher Herablassung. Im übrigen stützt er sich auf ein landesweites Netz "barristischer" Clubs, die unter dem bezeichnenden Namen Reel ("Wirklichkeit") firmieren.

Einer schlagkräftigen Partei steht dagegen Jacques Chirac vor: Die neo-gaullistische Rassemblement pour la République (RPR) hat er zu seinem persönlichen Machtinstrument geschmiedet. Diese "Sammlungsbewegung für die Republik" ist in der bonapartistischen Tradition, die ein Teil der französischen Rechten pflegt, straff organisiert. Die RPR ist so ungeniert machtgierig, daß Raimond Barre am meisten Beifall erntet, wenn er – verklausuliert – vor dem totalen RPR-Staat warnt, der noch das letzte zu vergebende Pöstchen der eigenen Klientel vorbehalten werde.

Die Nebenbuhler auf der Rechten könnten nicht unterschiedlicher sein: hier der spindeldürre, kettenrauchende, flatterhafte Chirac, der ehedem eine Politik nach dem Vorbild der britischen Labour-Partei befürwortete und sich dann unvermittelt zum Neoliberalen bekehrte; da der wohlbeleibte und dickköpfige Barre, der nie vom beschwerlichen Weg der wirtschaftspolitischen Tugend und Sparsamkeit weichen wollte. Chirac hat das waghalsige Experiment der Cohabitation mit dem linken Präsidenten Mitterrand gewagt, Barre lehnte es rundweg ab. Der Gaullist Chirac hat sich auf etwas eingelassen, das die Zustände aus der Vierten Republik wiederherstellen könnte: unklare Machtverhältnisse, wechselnde Mehrheiten, Regierungskrisen. Der Nicht-Gaullist Barre aber möchte die Fünfte Republik formen, wie sie General de Gaulle entworfen hatte: Alle politische Macht in der Hand des Präsidenten, der dem Premierminister viel Handlungsspielraum in der Wirtschaftspolitik einräumt.

Raimond Barre verfehlt damit vielleicht die Grundstimmung in Frankreich. Vielen Franzosen ist an einer behutsamen Lockerung der autoritären Verhältnisse gelegen, damit die "zivile Gesellschaft" und die Eigeninitiative endlich mehr Raum gewinnen. Deshalb hat eine große Mehrheit die Cohabitation – mithin die Aufsplitterung der Macht – begrüßt, sie wünscht keine Restauration der früheren Zustände. Barres kompromißlose Kritik an der Cohabitation kommt schlecht an. Seine Voraussage, sie werde Frankreich an den Rand der Katastrophe führen, hat sich nicht bewahrheitet, im Gegenteil: Das Zusammenspiel zwischen Präsident und Premierminister hat trotz aller Nadelstiche gut funktioniert. Jetzt wird Chirac dafür honoriert und der Nörgler Barre bestraft. Die Franzosen zollen Chirac Anerkennung, weil er eine Verfassungskrise abgewendet und unter schwierigen Bedingungen geschuftet hat, sein Programm zu verwirklichen. Chirac spürt Aufwind, Barre werden die Flügel gestutzt.

Einer müßte den anderen vernichtend schlagen, um im zweiten Wahlgang gegen Mitterrand eine Chance zu haben. Für die Rechte ist dieser Kampf gefährlich, denn im Hintergrund wartet ein lachender Dritter, François Mitterrand. Er will erst dann in den Ring steigen, wenn sich seine beiden Kontrahenten schon wund geschlagen haben. Gerade diesen Gefallen möchten ihm Chirac und Barre aber nicht erweisen. Sie müssen einander schonen und doch muß sich einer auf Kosten des anderen profilieren.

Rückschlag für den Favoriten

Öffentlich bekunden sie die Solidarität der Konservativen, hintenherum hagelt es Tiefschläge. Wenn Barre in Metz auftritt, werden gratis 20 000 Eintrittskarten für ein gleichzeitig stattfindendes Fußballspiel verteilt. Auf der Suche nach kompromittierenden Dokumenten haben mysteriöse Einbrecher wiederholt die Büros Barres und seiner Freunde "besucht". Die Kandidaten halten sich zurück, aber ihre Entourage giftet um so eifriger.

Barre ist in die Defensive geraten. Gaullisten wie Sozialisten haben mittlerweile unter Beweis gestellt, daß Barre kein Monopol an wirtschaftspolitischem Sachverstand mehr hat. Sein Unfehlbarkeitsanspruch irritiert. Seine Kritik an einer alles im allem erfolgreichen Cohabitation ist überholt. Seine Wahlkampforganisation ist nicht ganz so professionell wie die der anderen. Das Fehlen einer "eigenen" Partei macht sich doch schmerzlich bemerkbar. Barre hat wohl das Zeug zum Staatsmann, aber er ist kein Profipolitiker. Er beteuert es selber: "Ich weiß, daß ich kein gewöhnlicher Kandidat bin."