Raimond Barre würde solch ein Fehler nicht unterlaufen. Zwar kommt auch er im Wahlkampf um Versprechen nicht herum, aber bei jeder geplanten Maßnahme gibt er gleich deren Preis bekannt. Er will auf Ratio, nicht auf Emotionen aufbauen: "Man rät mir: ‚Lassen Sie die Franzosen auch einmal ein bißchen träumen!‘ Aber nein: Damit die Franzosen träumen, müßte man sie zuvor einschläfern." Doch Barre möchte sie wachrütteln. Vor allem fordert er "große Anstrengungen", damit ein durch das sozialistische Experiment empfindlich geschwächtes Frankreich eines Tages wieder stolz auf sich sein dürfe. Effort, famille, patrie sind drei wiederkehrende Stichworte, die an das Leitmotiv des Generals Pétain ("Arbeit, Familie, Vaterland") gemahnen.

Auch Barre spricht jene Kreise an, die man la vieille France – das alte Frankreich – nennt: das Provinzbürgertum und die Notabeln, die solide, mitunter stockkonservative, meist parteienfeindliche France profonde. Aber zu Barres Wahlkampfveranstaltungen strömen auch viele Jugendliche, die seine kompromißlose Verurteilung jeglicher Fremdenfeindlichkeit à la Le Pen zu schätzen wissen. Und seine Anziehungskraft erstreckt sich auch auf die französischen Christdemokraten, die Mitterrands Wunschpartner für eine Mitte-Links-Koalition wären. Barre ist der Präsidentschaftskandidat der nicht gaullistischen Rechten, die in der einst auf Betreiben von Valerie Giscard d’Estaing gegründeten und äußerst heterogenen Union pour la Democratie Française (UDF) zusammengeschlossen ist. Unter diesem einsturzgefährdeten Dach hausen und befehden einander die Liberalen (Partie Republicain), die Christdemokraten (Centre des Democrates Sociaux) und Überbleibsel der ehemals übermächtigen Partie Radical wie weitere Splittergruppen.

Barre indes, der die Parteien geringschätzt und die Gefahr der "Parteienherrschaft über Frankreich" beschwört, ist folgerichtig nicht Mitglied der UDF. Dieser morschen Gruppierung, die ihn – teils halbherzig – unterstützt, begegnet er nur mit einer Art höflicher Herablassung. Im übrigen stützt er sich auf ein landesweites Netz "barristischer" Clubs, die unter dem bezeichnenden Namen Reel ("Wirklichkeit") firmieren.

Einer schlagkräftigen Partei steht dagegen Jacques Chirac vor: Die neo-gaullistische Rassemblement pour la République (RPR) hat er zu seinem persönlichen Machtinstrument geschmiedet. Diese "Sammlungsbewegung für die Republik" ist in der bonapartistischen Tradition, die ein Teil der französischen Rechten pflegt, straff organisiert. Die RPR ist so ungeniert machtgierig, daß Raimond Barre am meisten Beifall erntet, wenn er – verklausuliert – vor dem totalen RPR-Staat warnt, der noch das letzte zu vergebende Pöstchen der eigenen Klientel vorbehalten werde.

Die Nebenbuhler auf der Rechten könnten nicht unterschiedlicher sein: hier der spindeldürre, kettenrauchende, flatterhafte Chirac, der ehedem eine Politik nach dem Vorbild der britischen Labour-Partei befürwortete und sich dann unvermittelt zum Neoliberalen bekehrte; da der wohlbeleibte und dickköpfige Barre, der nie vom beschwerlichen Weg der wirtschaftspolitischen Tugend und Sparsamkeit weichen wollte. Chirac hat das waghalsige Experiment der Cohabitation mit dem linken Präsidenten Mitterrand gewagt, Barre lehnte es rundweg ab. Der Gaullist Chirac hat sich auf etwas eingelassen, das die Zustände aus der Vierten Republik wiederherstellen könnte: unklare Machtverhältnisse, wechselnde Mehrheiten, Regierungskrisen. Der Nicht-Gaullist Barre aber möchte die Fünfte Republik formen, wie sie General de Gaulle entworfen hatte: Alle politische Macht in der Hand des Präsidenten, der dem Premierminister viel Handlungsspielraum in der Wirtschaftspolitik einräumt.

Raimond Barre verfehlt damit vielleicht die Grundstimmung in Frankreich. Vielen Franzosen ist an einer behutsamen Lockerung der autoritären Verhältnisse gelegen, damit die "zivile Gesellschaft" und die Eigeninitiative endlich mehr Raum gewinnen. Deshalb hat eine große Mehrheit die Cohabitation – mithin die Aufsplitterung der Macht – begrüßt, sie wünscht keine Restauration der früheren Zustände. Barres kompromißlose Kritik an der Cohabitation kommt schlecht an. Seine Voraussage, sie werde Frankreich an den Rand der Katastrophe führen, hat sich nicht bewahrheitet, im Gegenteil: Das Zusammenspiel zwischen Präsident und Premierminister hat trotz aller Nadelstiche gut funktioniert. Jetzt wird Chirac dafür honoriert und der Nörgler Barre bestraft. Die Franzosen zollen Chirac Anerkennung, weil er eine Verfassungskrise abgewendet und unter schwierigen Bedingungen geschuftet hat, sein Programm zu verwirklichen. Chirac spürt Aufwind, Barre werden die Flügel gestutzt.

Einer müßte den anderen vernichtend schlagen, um im zweiten Wahlgang gegen Mitterrand eine Chance zu haben. Für die Rechte ist dieser Kampf gefährlich, denn im Hintergrund wartet ein lachender Dritter, François Mitterrand. Er will erst dann in den Ring steigen, wenn sich seine beiden Kontrahenten schon wund geschlagen haben. Gerade diesen Gefallen möchten ihm Chirac und Barre aber nicht erweisen. Sie müssen einander schonen und doch muß sich einer auf Kosten des anderen profilieren.