Realos und Fundis vertagten gemeinsam die Aufklärung eines Finanzskandals

Von Christian Wernicke

Wuppertal, im Februar

Die Messer wurden wochenlang gewetzt, die ersten Stiche teilten Fundis und Realos, Basis und Vorstand der Grünen zwischen Rhein und Weser in aller Öffentlichkeit aus. Die Hauszeitung der Düsseldorfer Parteizentrale roch darauf "Leichen im Keller" der Landesgeschäftsstelle. Der Vorstandssprecher Jürgen Dörmann, die kiloschweren Akten im Kofferraum, rüstete sich für "den Angriff der grünen Rambos". Denn die Gegner der Realo-Führung behaupteten, sie hätten einen Finanzskandal aufgedeckt. Als "hochexplosive Munition" dienten Notizen über vierstellige Griffe in die Barkasse, dazu faule, 150 000 Mark schwere Kredite und schließlich verschluderte Steuer- und Sozialabgaben für die eigenen Angestellten in Höhe von 44 000 Mark.

Die grünen Generäle schossen zurück. Das sei "Rufmord und Personenkrieg". Sie antworteten lauthals mit Verleumdungs- und Unterlassungsklagen und wollten ihr reines Gewissen mit einer Selbstanzeige unter Beweis stellen. Als die eigentlichen Schiedsrichter aber sollten die 286 Delegierten auf dem Landesparteitag vorige Woche in Wuppertal fungieren. Christa Nickels, der krisenerprobten Bonner Abgeordneten, schwante Böses, eine "selbstreinigende Schlammschlacht".

Zweieinhalb Tage wortreiche Rundumschläge, wütende Grabenkämpfe hinter den Kulissen, offener Schlagabtausch auf der Bühne der Wuppertaler Schulaula – endlich eine Art Waffenstillstand: darüber waren die Grünen selber am meisten verblüfft. So mancher Landes-Promi hatte dem mit 9200 Mitgliedern größten Landesverband die Spaltung prophezeit. Und das gut ein Jahr vor den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen, zwei Jahre vor dem Untergang für die Parlamente in Düsseldorf und Bonn. Kein Wunder, daß sich die Friedensstifter aus der Bundestagsfraktion noch einmal dazu aufrafften, den "innerparteilichen Dschungelkrieg" (Otto Schily) einzudämmen. Ihn beizulegen, hatte keiner gehofft – die Landespartei ist der Bundespartei selbstzerstörerisch ähnlich.

Der Parteidiplomatin Christa Nickels half dabei, daß sie die Fronten in Nordrhein-Westfalen nur zu gut kennt. Langfristig freilich kann auch die grüne Mittlerin, von links wie rechts schon als Sendbotin der "Herz-Jesu-Fraktion" bespöttelt, den Widerspruch zwischen der reinen Lehre fundamentaler Opposition und realen Sehnsüchten nach Bündnissen mit der SPD nicht übertünchen. Sie ist ehrlich genug anzuerkennen, daß die Misere der Düsseldorfer Zentrale auch mit der Bonner Dauermisere der Grünen zu tun hat.