Die Lektion des Palästinenser-Aufstandes: Mit Gewalt ist im Nahen Osten nichts zu gewinnen

Von Dietrich Strothmann

Israel – ein Land wird vom Traum zum Trauma. Seit Monaten schon gehen die täglich gleichen Schreckensbilder um die Welt: Junge israelische Soldaten schießen auf junge palästinensische Steinewerfer. Israelis prügeln Palästinenser, schlagen ihnen die Hände und Arme kaputt, dringen gewaltsam in Häuser ein, lassen ihre blinde Wut an Verhafteten aus. Die Ausbrüche illegaler Gewalt sind so schlimm geworden, daß sich jetzt der Jerusalemer Generalstaatsanwalt beim Verteidigungsminister beschwert hat. Bisher sind sechzig Palästinenser getötet, viele hundert verletzt worden. Das darf, so empfindet ein jeder, nicht weitergehen. Doch was, wenn keiner solch sinnloser Gewalt ein Ende zu setzen vermag?

Wer Israel von früher kannte, erkennt es jetzt kaum noch wieder. Da wird seit Beginn der Unruhen Anfang Dezember nach und nach die Hoffnung zuschanden, daß Israelis und Palästinenser, diese beiden verwandten Völker, einmal in Frieden nebeneinander leben könnten. Entsetzen und Erschrecken über solche Exzesse von brutaler Rache bedrücken zumal Israels Freunde, die noch in Erinnerung haben, wie fair sich seine Offiziere nach dem "Blitzsieg" von 1967 über die ägyptische Armee in der Wüste Sinai geäußert hatten: voll humanen Mitgefühls und trauernden Mitleids. Heute regieren statt dessen hochmütiger Haß, Verachtung und Zorn.

Israel ist nicht mehr Israel. Das ist die eine bittere Erfahrung, die in den vergangenen Wochen auch viele Israelis selber machen mußten. Die andere Erkenntnis: Was vor sechs Jahren mit der schmachvollen Libanon-Invasion begann, setzt sich nun in den besetzten Gebieten fort, in Westjordanien und Gaza und läßt immer deutlicher werden, daß Israel mit militärischer Gewalt allein Befriedung nicht erreichen kann.

Wo sogar die Gewalt am Ende ist, hat es die Diplomatie doppelt schwer. Diese Einsicht wird auch dem amerikanischen Außenminister nicht erspart bleiben. Wieder einmal ist George Shultz auf Shuttle-Mission im Nahen Osten – in Jerusalem, in Kairo, in Amman, vielleicht auch noch in Damaskus. Das halbe Dutzend solcher Rundreisen hat er damit voll. Doch auch diese wohl letzte Mission des Washingtoner Friedensboten wird nichts ergeben: Im November kürt Amerika einen neuen Präsidenten, im selben Monat – wenn nicht schon früher – wird in Jerusalem ein neues Regierungsparlament gewählt. Bis dahin wird sich nichts und niemand rühren. Außer Flagge können die Amerikaner also diesmal nichts zeigen. Die Ampeln im Nahen Osten stehen auf Rot, und zwar noch für lange Zeit.

Schon im Vorfeld der Abschiedsmission von George Shultz ist dies mit ernüchternder Klarheit deutlich geworden. Wie der ägyptische Staatspräsident Hosni Mubarak seinen Vermittlungsvorschlag (sechs Monate "Waffenstillstand" in den besetzten Gebieten, keine neuen Siedlungen, danach internationale Friedenskonferenz), so Hat auch der israelische Ministerpräsident Jitzhak Schamir sein Konzessionsangebot (Wiederaufnahme der Autonomiegespräche vor einer Pro-forma-Gipfelzusammenkunft) sogleich wieder zurückgenommen. Keiner will zur Zeit mit dem anderen Tacheles reden. Auf Vernunft und Verständigung will und kann da keiner mehr hoffen.