Von Heinrich Billstein

Köln

Verkehrte Welt bei Kölns Archäologen: Statt ihrer wissenschaftlichen Neugier freien Lauf zu geben, wollen sie nunmehr den geschichtsträchtigen Boden unberührt lassen. Das Objekt ihres unterdrückten Forschertriebes: der Neumarkt. Dabei geraten die Wissenschaftler jedes Mal ins Schwärmen, wenn sie auf den Platz zu sprechen kommen.

Der Markt sei einer der großartigsten historischen Plätze in Europa. Entwicklungsgeschichtlich sei die 240 mal 110 Meter große Fläche eine der frühesten nachweisbaren Entscheidungen des Städtebaus im Mittelalter: nicht organisch gewachsen, sondern bewußt angelegt. In der früheren Stadtbaukunst Europas finde sich kaum Vergleichbares ...

Heute mag man dagegen gar nicht hinsehen, geschweige denn hingehen. Ein paar Platanen, ansonsten städtebauliche Tristesse: Leuchtreklame rundum und Autos, Autos, Autos... Wie fast alle Kölner Plätze ist der Neumarkt nicht gerade ein Schmuckstück. Lediglich die romanische Kirche St. Aposteln am westlichen Kopfende des Marktes erinnert daran, daß der Platz einmal schönere Zeiten erlebt hat.

Erstmals erwähnt wurde der Markt im Jahre 1076 als novus mercatus (Neuer Markt) in einer Urkunde des Kölner Erzbischof Hildolf. Der Platz wurde offenbar als zusätzliche Wirtschaftsmaßnahme aus brachliegendem Weideland geschaffen und zunächst als Pferde- und Viehmarkt genutzt, um den Viehhandel aus dem Umland in die Stadt zu locken. Noch bis Ende des vergangenen Jahrhunderts wurden dort Pferde gehandelt. Das lange schmale Rechteck diente aber vielen Zwecken: Die Ritter veranstalteten dort ihre Turniere, die Zünfte ihr Preisschießen. Das französische Revolutionsheer pflanzte auf dem mitten in der Innenstadt gelegenen Platz seinen "Freiheitsbaum". Preußens Gloria exerzierte auf ihm alljährlich zu Kaisers Geburtstag. Vom Neumarkt aus brachen die Karnevalsjecken zum Rosenmontagszug auf und die Soldaten 1914 zur Westfront. Heute endet dort jede Demonstration, die etwas auf sich hält.

Der Platz selbst hat sich in den vergangenen tausend Jahren kaum verändert. Die Warenhäuser um den Neumarkt stehen heute auf den Grenzlinien, die zur Jahrtausendwende abgesteckt wurden. Vor allem aber ist die Platzfläche noch so leer und unberührt wie zu Zeiten des Hildolf. Selbst die Bomben alliierter Luftangriffe konnten dem jungfräulichen Boden wenig anhaben. Ein Wunder auch, daß der Markt, der mit seinen mehr als zweieinhalb Hektar einer der größten Plätze in Europa ist, bislang nicht der gnadenlosen Gestaltungswut bundesdeutscher Städteplaner zum Opfer gefallen ist.