Von Rolf Henkel

München

Wie frei ist ein bayerischer Beamter? Darf er nach Feierabend tun, was er mag? Oder darf er nur das, was sein Dienstherr, der Staat, oder die herrschende Partei für richtig hält? Die Antwort auf diese Fragen fällt schwer seit Ende letzter Woche, und es geht in München beileibe nicht ums Jodeln, Trachtentragen oder ähnlich folkloristische Hobbys. Es geht um Aids, vor allem darum, was Bayern in beinahe weltweitem Alleingang gegen die Seuche zu tun versucht. Und es geht um Franz Mödl, den quirligen Pressesprecher des Bayrischen Sozialministeriums. Der 45jährige Ministerialrat sitzt seit Montag nicht mehr an dem Schreibtisch, von dem aus er 13 Jahre lang mit viel Intelligenz, Witz und Herz für Benachteiligte und Unterdrückte, gelegentlich auch für das politische Wohl des jeweiligen Ministers arbeitete.

Der heißt zur Zeit Karl Hillermeier, wird von Franz Josef Strauß arg gebeutelt, wurde von Ministerium zu Ministerium geschoben und läßt alle wissen, daß er jetzt als 65jähriger eigentlich gern in den Ruhestand ginge. Sowas stärkt natürlich seine Position nicht gerade, weshalb Hillermeier von Kabinettschef Strauß immer wieder und oft wegen Kleinigkeiten heftig in die Zange genommen wird.

Wie im Fall Mödl. Denn dieser gebürtige Mittelfranke, CSU-Mann aus Überzeugung und einst Assistent von Richard Stücklen, fiel nicht nur Strauß, sondern auch dessen Aids-Spezialist Peter Gauweiler schon seit einiger Zeit wegen unbotmäßiger eigener Gesinnung auf. Mödl plädierte für eine weitaus liberalere Aids-Politik als Gauweiler, lag damit auf der in Bayern verfemten Linie von Bundesgesundheitsministerin Rita Süßmuth und steht zudem an der Spitze der Bayerischen Aids-Stiftung. Zuerst als Vize, jetzt als Chef setzt er sich in der überparteilichen Bürgerinitiative für mehr Menschlichkeit gegenüber Kranken, Infizierten und Gefährdeten ein. Solcherart Humanität ist im staatlichen Bayern nicht gefragt, da regiert der Maßnahmenkatalog.

Das merkte Mödl spätestens vor einem Jahr, als ihn Hillermeier im Auftrag des Gauweiler-Strauß-Bündnisses vom Vorsitz der Aids-Arbeitsgruppe des Ministeriums, der ersten im Bundesgebiet, ablöste. Damals hatte es Krach gegeben im Vorfeld des Aids-Hearings der CSU-Landtagsfraktion, zu dem Mödl nicht nur Betroffene, sondern auch einen Experten aus der DDR einladen wollte. Gauweiler ließ die Namen wieder von der Liste streichen.

Von diesem Moment an war das Sperrfeuer auf den Oberstleutnant der Reserve – er kommandiert das Feldartilleriebataillon 665 – eröffnet. Immer wieder wurden Hillermeier und seine Staatssekretärin Barbara Stamm in Kabinettssitzungen von Strauß und Gauweiler wg. Mödl kritisiert. Aus früherer Gesinnungsfreundschaft – Mödl war in Nürnberg Astachef, Gauweiler zur gleichen Zeit in München Sprecher des RCDS – wurde Feindschaft, obwohl der Ministeriumssprecher korrekt Amt und Ehrenamt trennte. Doch wenn es um die von Gauweiler propagierte Internierung uneinsichtiger Aids-Infizierter ging, um Beratung und Aufklärung statt Zwang und Maßnahmen, blieb der Privatmann Mödl kompromißlos.