Von Gunhild Freese und Erika Mariens

Nun ist wieder Schwung gekommen in eine Debatte, die zuletzt nur noch vor Gerichten stattfand. In aller Stille, fast unbemerkt von der Öffentlichkeit, haben Arbeitgeber und Gewerkschaften des Einzelhandels nun den Gesprächsfaden aufgenommen. Ihr neues und altes gemeinsames Thema: der Ladenschluß.

Mit ihrem Plan, den Verbrauchern einen wöchentlichen Dienstleistungsabend zu bescheren, an dem Händler und Handwerker, Behörden, Arzt- und Anwaltspraxen bis 21 Uhr geöffnet haben, hatte die Bundesregierung den Zwist in die Handelsbranche gebracht. Zwar sind sich Arbeitgeber und Gewerkschaften durchaus einig in der Ablehnung des Dienstleistungsabends. Doch die Arbeitgeber verweigerten sich dem Wunsch der Gewerkschaften, den Ladenschluß um 18 Uhr 30 im Tarifvertrag festzuschreiben.

Der Anstoß für die neue Gesprächsrunde zwischen den zerstrittenen Tarifparteien kam aus Berlin. Die Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen (HBV) hatte die Inselstadt als zentrales Kampfgebiet für ihre Warnstreiks auserkoren. Der Platz war strategisch gut gewählt, konnten die Gewerkschafter hier doch einen der größten Arbeitgeber der Stadt besonders treffen: den Warenhauskonzern Hertie.

Gleich im zweiten Anlauf landete die Gewerkschaft einen Volltreffer. Am 6. Februar mußte das Flaggschiff des Konzerns, das feine KaDeWe, für eineinhalb Stunden geschlossen bleiben. Es war ein langer Samstag während der Grünen Woche, ein Tag also, der ungewöhnlich viele Kunden ins Haus bringt. Ungewöhnlich groß war auch der Umsatzausfall, den Hertie dank des Warnstreiks beklagt: "Weit über eine halbe Million Mark", wie Lothar Preuschoff, Hertie-Personalchef in Berlin, konstatierte. Er mochte denn auch nicht auf die nächste gewerkschaftliche Aktion warten und suchte das Gespräch mit der HBV in Berlin. In dem Landesbezirksvorsitzenden Manfred Müller fand er einen verständnisvollen Partner. Der HBV-Mann gelobte dem Hertie-Manager gewerkschaftliches Stillhalten, wenn er die festgefahrene Diskussion wieder in Gang setzen würde. So kam der Stein ins Rollen. Noch in dieser Woche beraten die Arbeitgeber auf Bundesebene über ihre künftige Linie.

Schon frühzeitig hatten die Gewerkschaften HBV und DAG gegen neue Ladenschlußzeiten mobil gemacht. Schichtdienst am Abend ist bei den meisten ihrer Mitglieder unbeliebt. Doch der Versuch der Arbeitnehmervertretungen, den Ladenschluß um 18 Uhr 30 im Tarifvertrag festzuschreiben, scheiterte am Widerstand der Arbeitgeber. Diese stehen auf dem Standpunkt, daß das Arbeitsende nur in einem Manteltarifvertrag geregelt werden könne; der aber gelte noch bis Ende 1988, und bis dahin seien die Gewerkschaften in der Friedenspflicht. Damit war ein Konflikt nicht mehr aufzuhalten.

Als die Gewerkschaften ihre Mitglieder schließlich darauf vorbereiteten, das für den Handel so segensreiche Weihnachtsgeschäft zu stören, rotteten sich auch die Handelsherren in Gegenschlägen zusammen. Mit einstweiligen Verfügungen stoppten sie die unweihnachtlichen Aktionen ihrer Belegschaften. Damit freilich war die gerichtliche Auseinandersetzung programmiert – Arbeit für die Arbeitsgerichte. In fast allen Bundesländern wurde von den Richtern die Friedenspflicht der Gewerkschaften verneint.