Wovon träumen die palästinensischen, wovon die jüdischen Kinder? Bieten die Träume etwa eine Art von Flucht vor der harten Realität, oder einen Ausgleich – oder sind sie lediglich eine Art Verlängerung dieser Realität?

Dr. Yoram Bilu, Dozent für Psychologie und Soziologie an der Hebräischen Universität in Jerusalem, untersuchte mit zwei Studenten die Träume von 644 Kindern im Alter zwischen elf und 13 Jahren. Die Kinder stammen aus verschiedenen Gebieten Israels und des besetzten Teils von Westjordanien. Ein Teil der Kinder lebt im Flüchtlingslager Kalandia, ein anderer in den jüdischen Siedlungen Gush Etzion und Kiryat Arba im Westjordanland. Jedes Kind erhielt ein buntes Notizheft. Es sollte zwei Monate lang sofort nach dem Erwachen bis zu vier Träume notieren.

Wichtig dabei war, daß die Kinder im Flüchtlingslager nicht wußten, daß die Studie für die Hebräische Universität gemacht wurde. Die Notizhefte überreichte ihnen ein israelischer Araber, ein Student der Universität, der dann die Aufzeichnungen sorgfältig übersetzte.

Ungefähr 20 Prozent der jüdischen Kinder träumten von Auseinandersetzungen mit Arabern – im Unterschied dazu waren es bei den palästinensischen Kindern aus Kalandia 60 Prozent.

Insgesamt 212 Träume handelten von solchen Konflikten. Bis auf zwei Ausnahmen wurden die Gegner stets stereotyp beschrieben als Jude, Araber, Zionist, Terrorist und dergleichen.

Manchmal flüchteten sich die arabischen Kinder in apokalyptische Träume, in denen die letzte, alles entscheidende Schlacht stattfindet. Dann marschiert die arabische Armee, leuchtend weiß gekleidet, gegen die schwarz angezogenen ungläubigen Juden. Jüdische Kinder haben Schwierigkeiten, mit diesem immerwährenden Kampf fertigzuwerden, und flüchten sich oft in die Imagination: Sie erzählen zum Beispiel von einer bunten fliegenden Untertasse, die auf der Grenze zwischen Israel und dem "Land des Feindes" landet. Ein 12jähriger träumte, er sei mitten in Hebron brutal von hinten überfallen worden. "Und als ich mich umdrehte, sah ich, daß es ein chinesischer Junge war." Die meisten Traumgeschichten sind gewaltsam und enden mit dem Tod. Die Träume der Kinder von Kalandia zeigen, wie hart und bedrohlich die Realität für sie ist. Fremde dringen ungehindert ins Haus, überfallen das Kind, quälen es manchmal zu Tode, und die Eltern sind unfähig einzugreifen.

Ein Beispiel: "Die zionistische Armee umstellt unser Haus und bricht ein. Die Soldaten durchsuchen es überall, aber sie finden die gesuchte Person nicht. Sie verlassen unser Haus unverrichteter Dinge. Doch ein Nachbar verrät uns. Sie kommen zurück. Jetzt finden sie meine Familie und mich in dem Wandschrank, in dem wir uns voller Angst versteckt haben."