Von David Grossman

Ich gehöre zu der Generation, die ihre Bar-Mizwa, die Konfirmation der 12jährigen Knaben, während des Sechs-Tage-Kriegs feierte, als das Westjordanland und der Gaza-Streifen besetzt wurden. Damals haben wir das Tabu der Grenze gebrochen und sind durch die Straßen von Städten gezogen, die uns bis dahin verboten waren.

Damals hat dies alles begonnen. Und heute weiß ich: Ich mußte einfach über die Besetzung schreiben. Ich kann nicht begreifen, wie ein ganzes Volk – mein Volk, das allenthalben als aufgeklärt gilt – es dahin hat kommen lassen, sich wie Eroberer aufzuführen, ohne daß es ihm dabei elend wird.

An einem trüben Regentag biege ich von der Hauptstraße ab, die von Jerusalem aus nach Süden führt, und fahre ins Flüchtlingslager Dheische bei Bethlehem. Mehr als sechstausend Palästinenser leben dort auf 350 Donum Land (rund 350 000 qm). Die Häuser sind aus häßlichem Beton und dicht ineinander verschachtelt. Rostige Eisenträger durchziehen Zimmer und Nischen wie Sehnen.

In Dheische fließen Regenwasser und Abwasser die schmalen Wege zwischen den Häusern hinunter. Neben jedem Haus liegt ein Hof – klein, sehr sauber, mit einer Mauer aus Betonblöcken oder einem Wellblechzaun. In der Mitte steht ein großer Tonkrug, gefüllt mit Quellwasser und mit einem Tuch bedeckt. Dennoch erzählt einem hier jeder ohne Zögern, daß das Wasser aus der Quelle seines Heimatdorfes besser war. "In Ain Azrab", sagt eine alte Frau namens Kahdija, "war unser Wasser sauber und gesund – einmal badete ein Sterbender darin, trank ein paar Schluck davon und wusch sich, da war er auf der Stelle geheilt." Sie legt den Kopf schräg, mustert mich und sagt spöttisch: "Na, was sagst du dazu?"

Mit einiger Verblüffung entdecke ich, daß sie mich an meine Großmutter erinnert und an deren Geschichten aus Polen, den Fluß und das Obst dort, was sie alles zurücklassen mußte, als sie vertrieben wurde. In die Gesichter beider Frauen hatte die Zeit die gleichen Linien gegraben: Weisheit und Ironie und tiefe Skepsis gegenüber allen, ob Verwandte oder Freunde.

Welch merkwürdiges Leben diese Leute führen – doppelt und gespalten zugleich. Jeder, mit dem ich im Lager spreche, führt von Geburt an dieses Doppelleben. Sie sind hier – und sie sind zugleich dort, woher sie stammen. Sie sitzen hier im Lager, ernüchtert von den Entbehrungen; und gleichzeitig sind sie unter uns, unter den Israelis, in den Dörfern, in den Städten.