Von Ernst Breit

Sonntagsarbeit ist nicht erst seit Erfindung des Mikrochips ein konfliktträchtiges Thema. Bismarck und Bebel haben im vergangenen Jahrhundert ebenso darüber gestritten wie in den fünfziger Jahren die Abgeordneten des Deutschen Jahrhundert

Zu den vielen Schranken, die der Industrialisie-Bundestages. niedergerissen oder überwunden hat, gehörte auch die Sonn- und Feiertagsruhe. Die Fabrikherren machten vor dem "Tag des Herrn" nicht halt. Wer an anderer Leute Arbeit Geld verdient, hat logischerweise ein Interesse daran, aus aller Zeit Arbeitszeit und aus jedem Tag einen Arbeitstag zu machen. Einhalt gebot dieser Entwicklung in Deutschland zum ersten Mal das berühmte preußische Regulativ über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Fabriken, das 1839 immerhin die Sonn- und Feiertagsarbeit Jugendlicher unter sechzehn Jahren gänzlich untersagte. In den Jahren zuvor war in typisch wirtschaftsliberaler Manier gegen eine solche Schutzbestimmung argumentiert worden: Von einer direkten Einwirkung der Gesetzgebung auf die Arbeitszeit müsse abgesehen werden, "da dadurch die natürliche Freiheit des Menschen, über seine Zeit und Kräfte auf die ihm vorteilhaftest erscheinende Art zu disponieren, beeinträchtigt würde".

Die "Freiheit" des Arbeiters, auch an Sonn- und Feiertagen zu malochen, wurde ernsthaft erst 1891 eingeschränkt. Bis dahin galt für erwachsene Arbeitnehmer/innen, was in der Gewerbeordnung des Norddeutschen Bundes (1869) so formuliert war: "Zu Arbeiten an Sonn- und Feiertagen ist, vorbehaltlich der anderweitigen Vereinbarung in Dringlichkeitsfällen, niemand verpflichtet."

Diese Gesetzesbestimmung gewährte der Willkür der einzelnen Regierungen wie der einzelnen Unternehmer den weitesten Spielraum, schrieb August Bebel 1888, "und so braucht man sich nicht zu wundern, daß das Drängen nach gleichmäßiger gesetzlicher Regelung im Sinne eines möglichst umfänglichen Verbots der gewerblichen Sonntagsarbeit in den Arbeiterkreisen immer stärker wurde".

Prominentester Gegner eines Verbots der Sonntagsarbeit war zur damaligen Zeit Reichskanzler Bismarck, der Krokodilstränen darüber vergoß, daß "der knappe Lohn des Arbeiters" am ein Siebtel gekürzt würde, wenn sonntags nicht mehr gearbeitet werden dürfe. Für ihn sei die dringlichste Frage, "ob der Arbeiter bereit ist, vierzehn Prozent seines Lohnes zu entbehren", sagte Bismarck 1885 vor dem Reichstag. Die Industrie jedenfalls könne keinen Lohnausgleich zahlen, denn das würde ihre Exportfähigkeit gefährden. "Hört die Industrie auf, exportfähig zu sein, ja dann ist der Arbeiter wiederum der Gestrafte – die Industrie, die geschädigt wird, stellt entweder ihren Betrieb ein, und eine Menge Leute muß sieben Sonntage in der Woche machen, oder die Industrie geht ganz ein."

Daran hat sich bis heute nichts geändert: Das beliebteste und vermutlich auch das erfolgreichste Argument konservativ-liberaler Politik ist die Drohung. Wann immer Arbeitnehmer ihre Interessen an besseren Arbeits- und Lebensbedingungen anmelden, ertönt das reaktionäre Echo, damit würden sie ihre Arbeitsplätze gefährden.