Hunderttausende sind in dieser Woche zu spät zur Arbeit gekommen, weil sie vergebens auf Busse und Straßenbahnen gewartet haben. In Berlin standen Kinder vor verschlossenen Schultüren, und die Gewerkschaft der Eisenbahner droht der Bundesbahn mit dem größten Warnstreik der Nachkriegszeit: Es ist soweit, der öffentliche Dienst kämpft um höhere Einkommen und um kürzere Arbeitszeiten.

Die Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) will diese Tarifrunde nicht ohne einen "kräftigen Schritt" in Richtung 35-Stunden-Woche beenden. Aber kann Beamten, Angestellten und Arbeitern im staatlichen Sektor unserer Wirtschaft recht sein, was Metallarbeitern und Druckern billig war? Werden mit weniger Wochenstunden in Behörden, Krankenhäusern oder Schulen dort tatsächlich neue Stellen geschaffen, die dafür sorgen, daß die Arbeitslosigkeit in der gesamten Volkswirtschaft zurückgeht?

In der Metallindustrie sind durch die reduzierte wöchentliche Arbeitszeit neue Jobs geschaffen worden; daran besteht bei allen Differenzen über deren Zahl prinzipiell kein Zweifel mehr. Allerdings darf nicht in Vergessenheit geraten, daß die Arbeitszeitverkürzung in der gewerblichen Wirtschaft auch nur unter bestimmten Bedingungen ihre gewünschte Wirkung entfaltet: Die sogenannten Lohnstückkosten dürfen nicht steigen, das heißt, die Arbeitszeitverkürzung und der Lohnausgleich dürfen (real) den Produktivitätszuwachs auf längere Sicht nicht übersteigen, wenn daraus nicht neue Gefahren für Wachstum und Beschäftigung entstehen sollen. Überproportional steigende Lohnkosten verstärken den Zwang zu Rationalisierungen. Der erhoffte Beschäftigungszuwachs kürzerer Arbeitszeiten könnte so leicht in sein Gegenteil verkehrt werden.

In weiten Teilen des öffentlichen Dienstes ist dieses Problem noch gravierender, weil es dort kaum Produktivitätssteigerungen gibt, mit denen die Kosten einer kürzeren Arbeitszeit kompensiert werden könnten. Wie kann etwa die Leistung eines Feuerwehrmannes wachsen, soll ein Lehrer noch mehr Kinder unterrichten, eine Krankenschwester noch mehr Kranke pflegen? Kürzere Arbeitszeiten und höhere Löhne im öffentlichen Dienst werden also zwangsläufig nicht wie in der Privatwirtschaft von wachsenden Einnahmen aufgefangen werden können. Aber die staatlichen Arbeitgeber werden alles daransetzen, höhere Kosten für ihr Personal zu vermeiden.

Sie können entweder das Dienstleistungsangebot entsprechend der Arbeitszeitverkürzung beschneiden, an anderer Stelle im Etat sparen oder Steuern erhöhen. Weil es am einfachsten ist, setzt der Rotstift bei den Investitionen an. Auf dieses Mittel der Ausgabenbegrenzung sind vor allem jene Bundesländer und Gemeinden angewiesen, denen es finanziell besonders schlecht geht. Sparen müssen also die Bundesländer, in denen sich die Unternehmen der Krisenbranchen Stahl, Kohle und Schiffbau massieren. Dort liegen auch die Kommunen, die oft von der Existenz eines Stahl- oder Walzwerkes abhängen.

Diese Kommunen und Bundesländer habe keine andere Wahl, als höheren Personalaufwand mit Kürzungen bei den Investitionen auszugleichen. Doch jede Mark, die der Staat nicht investiert, mindert die Beschäftigungsmöglichkeiten im privaten Sektor unserer Wirtschaft. Zusätzliche Beschäftigung im öffentlichen Dienst wird unter diesen Umständen mit höherer Arbeitslosigkeit in der Privatwirtschaft bezahlt. Peter Christ