Von Karl-Heinz Büschemann

Die Branche der Unterhaltungselektronik ist reichlich Kummer gewöhnt. Gerade erst ging der etwa fünfzehn Jahre währende Streit der Elektronikkonzerne um den Weltstandard bei Videorekordern zu Ende. Auch der letzte große Anbieter – der japanische Sony-Konzern – gab klein bei und schloß sich dem siegreichen VHS-System an. Immer noch streiten indes die Gerätefirmen mit der Musikindustrie darum, wie beim digitalen DAT-Kassettenrekorder eine – für alle – verbindliche Regelung aussehen muß, die private Raubkopien verhindern soll. Solange dieser Standard nicht gefunden ist, bleibt der Markt blockiert.

Nun steht der Branche schon wieder ein weltweites Ringen um eine Industrienorm ins Haus, die für alle Unterhaltungselektronikfirmen im Idealfall verbindlich sein soll. Es geht um neue Geräte, mit denen sich die digitalen Compact Discs (CDs) nicht nur abspielen, sondern auch löschen und neu bespielen lassen. Die französische Thomson-Gruppe will vielleicht noch in diesem Jahr ein entsprechendes Gerät auf den Markt bringen. Die Entwicklung dieses Geräts fand bereits so große Beachtung, daß die deutsche Tochter des französischen Konzerns dafür sogar den Innovationspreis der deutschen Wirtschaft bekam, eine Auszeichnung, die der Frankfurter Wirtschaftsclub Rhein-Main jedes Jahr gemeinsam mit dem Fachblatt Wirtschaftswoche vergibt.

Doch kaum hatten die Thomson-Entwickler den angesehenen Preis aus der Hand des Bundesforschungsministers Heinz Riesenhuber (CDU) am 30. Januar entgegengenommen, da rührten sich auch schon die ersten Kritiker. Das Unterhaltungselektronik-Fachblatt Funkschau stellt nach dem feierlichen Übergabeakt in Frankfurts Alter Oper die Frage, ob mit dieser Preisverleihung nicht eine "Tretmine gelegt wurde, die nun hochgegangen ist". Außerdem fragt sich die Fachzeitschrift, ob die Jury, der 24 hochkarätige Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft angehören, darunter Physik-Nobelpreisträger Professor Klaus von Klitzing und Daimler-Benz-Chef Edzard Reuter, nicht "viel zu früh auf einen Zug gesprungen ist, für den die Weichen erst in ein paar Jahren gestellt werden".

Zwar wurde in Frankfurt mit großem Pomp ein Gerät geadelt, das vielen Verbraucherwünschen entspricht, doch die Sache hat einen herben Nachteil: Die auf die neue Weise bespielten CDs lassen sich nicht auf den bisher schon verbreiteten CD-Spielern wiedergeben. Und von denen stehen alleine in der Bundesrepublik schon zwei Millionen Stück. Die Franzosen haben sich für ihren neuen CD-Rekorder eine Technik ausgesucht, die von dem Standard, auf den sich bis heute 150 Gerätehersteller und Musikfirmen bei der Compact Disc geeinigt haben, abweicht. Die Platten werden anders bespielt und abgetastet als herkömmliche CDs. Außerdem werden sie im Gegensatz zur Standard-CD doppelseitig bespielt.

Das hat seinen besonderen Grund: Das Verfahren, das auch die neuen CDs mit der bereits standardisierten Technik bespielbar machen kann, ist noch in der Entwicklung. Es braucht noch etwa drei Jahre bis zur Serienreife. Deshalb pfiffen die Franzosen auf alle vorhandenen Standards. Sie wollten unbedingt schon heute eine CD-Bespieltechnik anbieten und griffen deshalb in ihrem zentralen Entwicklungslabor im Schwarzwaldstädtchen Villingen auf ein schon vorhandenes Verfahren zurück, das die Techniker als opto-magnetisches Verfahren bezeichnen. Hinter diesem technischen Terminus verbirgt sich eine Lasertechnik, die schon in den siebziger Jahren unter anderem von Philips entwickelt wurde.

Bei Philips und Sony gehen sofort die Warnlampen an, wenn sich ein Konkurrent mit einem neuen Standard für CDs auf den Markt traut. Denn der niederländische Konzern, der gemeinsam mit Sony die CD-Technik entwickelte und 1983 auf den Markt brachte, ist froh, mit der digitalen Silberplatte einen echten Renner geschaffen zu haben. Immerhin aber hat Erich Geiger, Chefentwickler der französischen Thomson-Gruppe und Chef der deutschen Tochter, den Ausspruch getan: "Wir fühlen uns stark genug, notfalls einen Alleingang zu machen, wenn es nicht zu einer internationalen Absprache über die Standards des neuen Systems kommen sollte."