Das Ende: ein Stilleben. Da ist die Hand, Roberts Hand, die nach dem Messer greift. Da liegt das Messer, das blutbefleckte, mit dem Patrick Robert umbringen wollte. Da liegt Patrick, der betrogene Liebhaber, der sich mit Veronique gegen Robert verbündet hat. Da liegt Veronique, Roberts geschiedene Frau, mit aufgeschlitzter Halsschlagader. Da steht Robert und betrachtet, was geschehen ist.

Niemand schreit in Chabrols Film, auch die Eulen nicht. Das gequälte Hu-huu, mit dem der Film anhebt und ausklingt, ist von Komik angefressen wie die Tonkulisse einer altersschwachen Geisterbahn. Der Meister selbst glaubt nicht mehr an den Eulenschrei. So wird das Grauen zum Ornament. Die Kugel, die durchs Fenster hereinschwirrt, bleibt in einer Schale mit Früchten stecken. Das Mädchen, das Selbstmord begangen hat, liegt hingestreckt wie eine Nymphe im hohen Gras. Die Verhältnisse tanzen nicht, sie erstarren zum schönen Bild. "Der Schrei der Eule" ist die Geschichte eines Mannes, der ein Bild betrachtet.

Das Bild des Glücks: ein Häuschen im Grünen, Juliette (Mathilda May), die schöne, züchtige Hausfrau, sitzt wartend am Kamin, Patrick (Jacques Penot), ihr Verlobter, kommt zur Tür herein, Begrüßung, Küßchen, ein trautes Heim, und der Fernseher läuft. Draußen im Garten steht Robert (Christophe Malavoy) und sieht zu, seit Wochen schon. Das Haus, von Efeu überwuchert, hat riesige Fenster, es wirkt wie eine Bühne mit abgegrenzten Szenenräumen, auf denen das Kleineleuteleben spielt: das Paradies für einen Voyeur. Aber am nächsten Morgen geht Roben zu Juliette und gibt sich zu erkennen. Und Juliette verliebt sich in ihn. Der Film gerät in Bewegung, weil ein Mann aus seiner Rolle fällt, plötzlich, ohne Motivation. Chabrols Figuren handeln, damit die Handlung in Gang kommt. Sie sind so neugierig wie die Kamera, die ihr Treiben beobachtet. Nur daß die Kamera den längeren Atem hat.

Die Schöne und der Voyeur: so beginnen Komödien. Aber Robert will sich mit der Frau seiner Träume nicht einlassen, und Patrick versucht, den lästigen Konkurrenten loszuwerden. So wird die Geschichte zum Alptraum. Chabrol träumt wie ein zynischer Analytiker: Er schneidet und rafft, mischt und seziert. Robert und Patrick prügeln sich nachts am Fluß, Robert gewinnt, Patrick verschwindet. Robert steht unter Mordverdacht, während sich Patrick bei der Intrigantin Veronique (Virginie Thevenet) in Paris versteckt. Juliette sagt zu Robert: "Nur vom Tod wird man so gesucht und gefunden wie von Ihnen." Dann nimmt sie Schlaftabletten und stirbt. Patrick schießt auf Robert und tötet einen Mann, bei dem der Gejagte sich verborgen hält. Er wird verhaftet, kommt wieder frei. Patrick und Veronique besuchen Robert, um sich an ihm zu rächen: aus Eifersucht, aus Haß, aus Bosheit, aus gekränkter Liebe. Alles auf einmal, ununterscheidbar. Gerangel, Flüche, Messerstecherei. Und dann, nach eineinhalb Stunden, mündet der Film wieder ein ins Tableau: die Bösen am Boden, das Opfer obenauf. Am Anfang hat Robert ins Glückshaus hineingeschaut. Am Ende blickt er auf ein Leichenfeld.

Eine verwirrende Geschichte. Chabrol erzählt sie nicht, er gibt sie zu Protokoll. Er läßt das Überflüssige weg, das, was das Geschehen im Fluß hält. So bleibt, bei aller Hektik im Detail, eine Folge von Stillleben. Der Roman von Patricia Highsmith, aus der amerikanischen Kleinstadt ins französische Vichy verpflanzt, schrumpft zum morbiden Kammerspiel. Was die Personen nicht ausdrücken können, bleibt an den Gegenständen hängen. An Roberts Zeichnungen von Raubvögeln, die riesengroß über seinem Bett hängen. An dem Pullover, den Juliette für ihren Todesengel strickt: roter Vogel auf schwarzem Grund. An dem durchsichtigen Telephon, mit dem Veronique ihre Intrigen spinnt. "Der Schrei der Eule" ist, auch ein Ausstattungsfilm. Die Gefühle sind in die Stoffe gerutscht und die Phantasien ins Dekor. Das aber bleibt so karg, wie es ein durchschnittliches europäisches Filmbudget erlaubt. In Hollywood wurden solche Märchen im Studio gedreht. Chabrol aber filmt on location. Seine Welt sieht wie ein Studio aus.

In den sechziger und siebziger Jahren, als er die "Untreue Frau" und den "Schlächter" drehte, galt Chabrol als Kritiker der Bourgeoisie; das machte ihn auch bei den Verächtern des Genrefilms hoffähig. Heute, da der Geist wieder Zunft geworden ist und die Profession den Professionellen huldigt, bedient er die Lust an der reinen Immanenz. Seit "Masken" hat er die Realität als Bühne abgeschrieben und befriedigt sich am filmischen Zeichenspiel, das er beherrscht wie kein anderer. "Der Schrei der Eule" ist ein Film à la carte, mit voyeuristischen Verlockungen als Aperitif, dem Eifersuchtsdrama als Hauptgang und der unvermeidlichen Leiche zum Dessen. Dies alles sparsam garniert mit ein, zwei interessanten Kameraeinstellungen, einer Prise Hitchcock und drei Sekunden Buñuel. Als Robert eines Nachts, von Patrick angeschossen und von gaffenden Nachbarn gequält, aus dem Fenster seines Bungalows schaut, sieht er ein kleines Mädchen im blauen Kleid auf einer Schaukel sitzen, hell und unwirklich vor dem Dunkel ringsum. Das kann alles bedeuten und nichts. In "Masken" hat sich Chabrol als zynischer Showmaster und Kunsthändler porträtiert. In "Der Schrei der Eule" zitiert und verramscht er alles, was im Kino der Epigonen gut und teuer ist. Selbst die Dialoge bieten für Kenner noch kleine, zynische Genüsse. Nehmen Sie eine Madeleine, sagt Jean-Pierre Kalfon als Inspektor, der den verwickelten Fall aufklären soll, ist gut fürs Gedächtnis. Selbst das hat Godard schon besser gesagt. Was tief sei, liebe die Maske schrieb Nietzsche in kinoloser Zeit. Chabrol läßt seine Masken vor der Kamera tanzen, immer wilder, von Film zu Film. Als käme dann die Tiefe ganz von selbst. Andreas Kilb