Von Katharina Zimmer

Der Goncourt-Preis? „Das war ein Traum ... er schien mir unerreichbar ... kein Ziel, sondern ein Märchen.“ Der französische Schriftsteller Yann Quéffélec, der den Lorbeer 1985 für seinen Roman „Barbarische Hochzeit“ („Les Noces barbares“) erhielt, hatte ihn heiß ersehnt. Natürlich. Der begehrte Literaturpreis – 1903 von den Brüdern Edmond und Jules Goncourt gestiftet –, der nicht nur in Frankreich alles, was liest, erschauern läßt, sei es vor Bewunderung oder Verachtung, der höchste Auflagen und damit Ansehen, Ruhm und, wenngleich nur mit 50 Francs (sechzehn Mark) dotiert, Geld bringt: Natürlich befördert er einen Schriftsteller auch auf den Gipfel des Glücks.

Und wenn es der Abgrund wäre? Absturz statt Höhenflug?

Für Jean Carrière, Goncourt-Preisträger 1972 mit seinem Roman „Der Sperber von Maheux“ (L’fipervieux de Maheux), war es ein Absturz. In seinem in Frankreich vor wenigen Wochen erschienenen Buch „Le Prix d’un Goncourt“ (Der Preis für einen Goncourt-Preis) beschreibt er ihn. In allen Phasen, minuziös, als abschreckendes Beispiel für alle ehrgeizigen Kollegen und ernüchternd auch für die Leser von Goncourt-Preis-Büchern.

Der Autor des „Sperbers von Maheux“ wußte, daß er ein gutes Buch geschrieben hatte. Genau bis zum 21. November 1972, dem Tag, an dem ihm der Preis zugesprochen wurde, war er davon überzeugt. Mit der Auszeichnung hatte er nicht ernstlich gerechnet. Schon darum nicht, weil sein Verleger Jean-Jacques Pauvert, einer der kleineren, nicht zum Kreis der regelmäßig Goncourt-Begünstigten zählte. Lange schon mokierte man sich in Literaturkreisen darüber, daß die Verlage Gallimard, Grasset und Le Seuil – kurz „das Monster Galligrasseuil“ genannt – seit Kriegsende fast alle Goncourt-Preise abstaubten. Neunzehnmal Gallimard, siebenmal Grasset, dreimal Seuil. Um die bösen Zungen zum Schweigen zu bringen, würde jedoch, so hieß es, hin und wieder auch mal ein Autor eines der „marginalen“ Verlage ausgezeichnet. Er sei „das Alibi gewesen, das den Mißbrauch bestätigt“, erklärt Carrière seine Chance, die sich jedoch für ihn als Fluch erweisen sollte.

Auf die im Kreise von Verleger und Freunden mit Champagner gefeierte Euphorie des Nachmittags jenes 21. Novembers – endlich wurde all denen, die in dem Schriftsteller einen Versager gesehen hatten, der vom Lehrerinnengehalt seiner Frau lebte, das Maul gestopft – folgte Ernüchterung und Schrecken. „Gleich am nächsten Morgen stürzte ich mich auf mein Buch, blätterte darin: Es war leer... Die Frucht war trocken. Ich fand weder Geschmack noch Duft noch Konsistenz.“ Sich damit der Meute der Kritiker stellen? Carrière hatte schon immer die Literaturpreisträger beneidet, die völlig ungebrochen, „ohne mit der Wimper zu zucken“, die Auszeichnung hinnahmen, in der unerschütterlichen Überzeugung, sie verdient zu haben. Der Autor des „Sperbers“ war mißtrauischer: Je mehr Gutes man über seine Bücher sagte, für desto schlechter hielt er sie. Und die bösen Kritiken trafen um so schmerzlicher, als er glaubte, ihre Verfasser seien die einzigen, die sein Buch wirklich gelesen hätten.

Die Unglaubwürdigkeit seines Erfolges schien sich ihm durch das, was er dann erlebte, nur noch zu bestätigen. Interviews im Radio und im Fernsehen, Signierstunden, Diskussionen, Reisen durch Frankreich, Europa und fast die ganze Welt jagten einander: Er war ein Hampelmann geworden, ein Objekt, das man nach Belieben benutzte. Angewidert entdeckte er sein Buch in Warenhäusern zwischen Seife und Krawatten. Er hatte das Gefühl, sich prostituiert zu haben, in der Gosse gelandet zu sein.

Sein „Sperber“ hingegen war auf seinem Höhenflug nicht mehr aufzuhalten: In drei Wochen waren 300 000 Exemplare verkauft, 1 700 000 sollten es insgesamt werden. Der Erfolg des wenig gefälligen Romans – der Geschichte der letzten Bauern eines winzigen Dorfes in den Cevennen, Opfer der industriellen Revolution –, mit dem Carriere einer unmenschlichen Fortschrittsideologie entgegentritt, bestätigte, was er immer schon vermutet hatte: „Bücher werden weniger nach ihren Qualitäten (oder Fehlern) beurteilt, als nach dem ihnen gerüchteweise zuerkannten Genre.“ Einen Erfolg von 100 000 hätten „Der Sperber“ und sein Autor verkraftet. Carrière meint, auch ohne den Preis wäre seine Auflage so hoch gewesen. Mit den Goncourt-Verkaufszahlen fand er sich jedoch sozusagen unter den Neureichen. Eine Sache, „die einem nie verziehen wird“. Und das Publikum will etwas haben für sein Geld: Es wird von nun an auf der Lauer liegen. Der Schriftsteller ist verdammt, sich selber zu übertreffen, „für das Schreiben ein gefährlicher Verfolgungswahn“. Er hatte geglaubt, für einige Hundert oder Tausend geschrieben zu haben, und fand sich nun inmitten einer „überfüllten Arena“ gieriger Zuschauer, die nur auf ein winziges Zeichen von Schwäche warteten. „Genug, einem das Blut gefrieren, die Hand erstarren, jedes Wort aus der eigenen Feder suspekt werden zu lassen.“

Carriere raubte der Erfolg den Schlaf, machte ihn krank. Schon vorher hatte er zu Depressionen und psychosomatischen Störungen geneigt, jetzt lebte er, terrorisiert von seiner Bekanntheit, nur noch mit Hilfe von Medikamenten. „Meide Paris um jeden Preis“, hatte ihn sein Freund Jean Giono gewarnt, „dein Fell ist dafür nicht dick genug.“

Vier Monate nach der Preisverleihung, am 6. April 1973, erreicht ihn die Nachricht vom Tod seines Vaters. Carrière zögerte nicht, sich schuldig zu fühlen. Der Vater war mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, ein Auto hatte ihn angefahren. Sicher war er so zerstreut gewesen, weil er mit seinen Gedanken bei seinem Sohn und dessen Erfolg war. „Ich fühlte mich für diesen Tod verantwortlich.“

Wenig später erlitt die Frau des Schriftstellers einen Gehirnschlag. Die Ärzte im Krankenhaus genierten sich nicht, den vor Sorge verstönen Schriftsteller für das Unglück verantwortlich zu machen. Sein Beruf bringe es doch sicher mit sich, daß er seine Frau oft allein lassen müsse.

Der Schriftsteller verbringt von nun an die Tage am Krankenbett seiner kranken Frau. Sie wird wieder gesund. Einige Jahre später jedoch haben sich die beiden so auseinandergelebt, daß sie sich scheiden lassen. Hervé Bazin, der heutige Präsident der Académie Goncourt, hatte ihm das prophezeit: „Paß auf: erst der Goncourt, und dann die Scheidung. Man muß sich schon fest anklammern, um nicht an so einer Klippe Schiffbruch zu erleiden.“ Self-fullfilling prophecy? Für den Schriftsteller nimmt immerhin dieser Schiffbruch ein gutes Ende: Am Ufer wartet auf den Gescheiterten die neu ins Dorf gekommene junge Lehrerin. Sie verlieben sich, heiraten.

Keine Erlösung für einen Mann wie Carrière. Sein größtes Unglück nämlich, die Unfähigkeit zu schreiben, hat in seinen Ausmaßen im Laufe der Zeit eher zugenommen. Jahre sind vergangen, und er hat seit dem „Sperber“ nichts oder nur für die Schublade geschrieben. Seine quälende Schlaflosigkeit hält an. Jeden Morgen macht er sich noch vor Sonnenaufgang auf den Weg, mit einer Taschenlampe, in der Hoffnung auf Befreiung aus seiner Stummheit. „Von diesen nächtlichen Ausflügen brachte ich nichts mit. Mein Kopf war leer, von allen Worten verlassen. Ich schrieb Sätze ohne Hand und Fuß, in der Hoffnung, wie ein Chemiker in seinem Labor eine Art Reaktion zwischen ihnen auszulösen. Es passierte nichts... Im Grunde hatte ich nichts mehr zu sagen“, erklärt er zehn Jahre nach dem Preis. Er wird drogensüchtig. Dreizehn Jahre nach seinem Welterfolg, im Juni 1985, findet sie eines Morgens plötzlich statt, seine Heilung, „die Explosion in meinem Geist. Es war, als wäre ich von einem bösen Zauber befreit.“ Carrière nimmt ein altes Manuskript vor, überarbeitet, schreibt neu, weiter: „Les Annèes sauvages“ (Die wilden Jahre) bringt er mit Anstand zu Ende.

Carriere ist nicht der einzige Goncourt-Geschädigte: Zwar erleben die meisten der Preisgekrönten die hohen Auflagen, den Ruhm, den später folgenden Geldsegen eher wie Yann Quéffélec als ein Geschenk, eine unschätzbare Chance. Sie sehen sich plötzlich von finanziellen Sorgen befreit, können sich uneingeschränkt ihren literarischen Projekten widmen. Andere jedoch brauchen Monate und Jahre, um sich vom Ruhm und Rummel zu erholen.

„Der Preis hat bei mir 20 Jahre Inspiration ausradiert“, sagt Jean-Louis Bory (Goncourt-Preis 1945). Patrick Grainville (Goncourt-Preis 1976) hat dagegen bereits nach anderthalb Jahren begonnen, sein nächstes Buch zu schreiben. Georges Conchon (Goncourt-Preis 1964): „Ich habe zehn Jahre gebraucht, um wirklich wieder mit Schreiben anzufangen. Bory hatte recht...“ Überdies konnte Conchon sich des Eindrucks nicht erwehren, er hätte die Auszeichnung eher einer gewissen Verachtung als der Achtung vor seinem Werk verdankt. André Schwarz-Bart hatte den Preis 1959 für seinen ersten Roman „Der letzte der Gerechten“ erhalten. Obwohl er danach stetig weiter geschrieben hat, veröffentlichte er nur noch wenig. Seit 1972 ist kein Buch mehr von ihm erschienen. Schließlich gebe es auch, hat Hervé Bazin einmal geäußert, „Schriftsteller, die nur ein Buch im Bauch haben“. Zumindest jedoch „völlig aus dem Gleichgewicht geworfen“ haben sich wie Francis Walder (Goncourt-Preis 1958) viele der Preisträger gefühlt.

In seiner ihm eigenen bescheidenen Weise resümiert Carrière: „Letzten Endes sind wir nichts anderes als Erfindungen der Eitelkeit“, da empfehle es sich, so seine kleine Lebenshilfe für Schriftsteller, „immer mit einer Pistole an der Schläfe zu schreiben.“ Auch dabei kann ein Werk zum Bestseller geraten: Carrières neues Buch über den Preis für den Preis ist in Frankreich ein großer Erfolg.