Nur über eines habe ich mich damals gewundert: daß es mit dem "Anschluß" noch so lange dauerte. Dank der "Hoßbach-Protokolle" wissen wir, wann er für das folgende Jahr, endgültig beschlossen war: im November 1937, worauf dann, zur Überraschung des Präsidenten Benesch, prompt die ČSR folgen würde. Nun war man mit der Wehrmacht soweit, wie man es 1934 nicht gewesen war, und auch im März 1936, zur Zeit der Remilitarisierung des Rheinlandes, noch nicht.

Der Nachfolger des ermordeten Bundeskanzlers Dollfuß, Kurt von Schuschnigg, wurde damals unterschätzt und ist heute vergessen. Er war ein feinfühliger mutiger, ideenreicher Politiker, ein guter Österreicher auf verlorenem Posten. Befreit von Mussolinis Protektorat konnte er sich von dem Einfluß der "faschistoiden" Heimwehren befreien, die er aufzulösen wagte. Er suchte sich so gut wie möglich mit den Regierungen der "Kleinen Entente", zumal der ČSR, zu stellen. Er amnestierte bald die noch in den Gefängnissen sitzenden Sozialisten, an ihrer Spitze den ehrwürdigen Karl Seitz, vormals Bürgermeister von Wien. Auch konnte er die wirtschaftliche Lage durch Regierungsaufträge wenigstens erträglicher machen. In seiner letzten großen Rede faßte er alles hier schon Getane und noch Geplante mit berechtigtem Stolz zusammen.

Als nach Schuschniggs Besuch bei Hitler in Berchtesgaden am 12. Februar 1938 die unmittelbare Gefahr am Tage lag, gelang dem österreichischen Kanzler, was er vorher schon vergeblich versucht hatte: die Führer der – illegalen – sozialistischen Gewerkschaften und des "Schutzbundes" auf seine Seite zu bringen. Und damit wurde der Erfolg dessen wahrscheinlich, wozu er sich in höchster Not entschloß: zu einer Volksabstimmung "für ein freies und deutsches, unabhängiges und soziales, für ein christliches und einiges Österreich" aufzurufen. Hätte sie ihm eine Mehrheit gebracht?

Jedenfalls muß Hitler es befürchtet haben; es war eben dieser letzte kühne Schachzug des Bundeskanzlers, welcher dem telephonischen Hin und Her, den deutschen Bedingungen, die, kaum angenommen und realisiert, schon wieder nicht genügten, den falschen Versprechungen und Täuschungen, der unglaublichen Wirrsal der vorhergehenden Tage ein Ende machte und den Einmarsch der deutschen Truppen am 12. März 1938 herbeiführte. Wer den Einzug Hitlers in Wien im Rundfunk gehört hat, das stundenlange Derwisch-Gebrüll, "Ein Volk, ein Reich, ein Führer!", der wird es nie vergessen. Es ging weit über alles hinaus, was es vorher in diesem Sinn in Deutschland schon gegeben hatte.

War es die Mehrheit der Österreicher, die jubelte? Man kann es nicht wissen, denn wer sich nicht wohl bei der Sache fühlte, schwieg und verbarg sich. Hitlers nachfolgende Volksbefragung brachte ihm dann mehr als 99 Prozent der abgegebenen Stimmen. Das Plebiszit nach der vollzogenen Tatsache ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts; Napoleon III. zum Beispiel machte fleißigen Gebrauch von ihr. Welchen Sinn hatte es, gegen das offenbar nicht mehr zu Ändernde zu stimmen? ... Indessen wird man auch Qualtingers "Herrn Karl" hören müssen, um zu verstehen, was damals in Österreich vor sich ging.

Die Reaktion des "Westens" war die zu erwartende: keine. Frankreich befand sich am 12./13. März 1938 wieder einmal ohne Regierung; die neue würde sich so wenig rühren, wie es die alte getan hatte. Londons imposantester Publizist Garwin schrieb im Observer Adolf Hitler sei nun so mächtig in Europa, wie vor ihm nur Karl der Große gewesen sei, vielleicht noch mächtiger; damit müsse man sich abfinden. Prime Minister Neville Chamberlain, sah die Sache vom Ökonomischen her: Entstünde dort unten in Südosteuropa ein großer, freier Wirtschaftsraum, dann werde auch Großbritannien davon profitieren: "Wie shall get our share.." Es war die Haltung eines rational denkenden businessman-Politikers angesichts eines Partners oder Gegners, dessen Lust-Träume der Brite unmöglich verstehen konnte, jetzt nicht sowenig wie in München, ein halbes Jahr später.

Versuchen wir zusammenzufassen: Das Verhängnis Europas, und damit das Glück Hitlers, war die Auflösung der Donau-Monarchie. Dahinter verbarg sich ein tiefer reichendes Verhängnis: Der Aberglaube, wonach der Sonderfall Frankreichs, so wie es aus seiner Großen Revolution hervorgegangen war – die Nation une et indivisible, der zentralisierte Nationalstaat, obendrein mit "natürlichen Grenzen", so als ob die Natur selber ein derart kunstvolles und mit viel Blut zusammengezwungenes Kunstwerk befohlen hätte –, inskünftig allen europäischen Nationen, Nationalitäten, "Völkerschaften", zum Vorbild dienen müsse. Aber dieses Modell paßte schon für die Deutschen und Italiener nicht; für die Völker Ostmitteleuropas rein gar nicht. Für sie hätte eine kräftig reformierte Donau-Monarchie gepaßt, ohne oder mit dem Hanse Habsburg: "Vereinigte Donaustaaten". Statt dessen Nationalstaaten, die auf einer Lebenslüge beruhten, und ein Rest-Österreich, das nicht wußte, wohin mit sich selber.