Zu ihm fassen die Jüngeren Vertrauen. Fritz Fischer, der emeritierte Hamburger Historiker, der am 5. März 80 Jahre alt wird, kann noch immer mit seiner leidenschaftlichen Wahrheitsliebe und geradezu jugendlichem Feuergeist ein Publikum zu Ovationen hinreißen, so vor einem Jahr als Schlußredner bei den „Nürnberger Gesprächen“, als er den „Aufbau eines ganz neuen Geschichtsbildes“ begrüßte. Daß es sich langsam aber sicher durchsetzt – allen neokonservativen Umdeutungen zum Trotz –, ist für ihn späte Freude. Denn er hat dazu das Fundament gelegt.

Als 1961 sein bahnbrechendes Werk über die deutschen Kriegsziele im Ersten Weltkrieg („Griff nach der Weltmacht“) herauskam, waren Fachwelt, Politik und öffentliche Meinung schockiert. Seine eher beiläufige Erkenntnis, Deutschland habe auch den Ersten Weltkrieg auf dem Gewissen, galt den einen als Flagellantentum, anderen gar als Landesverrat. Fischer, der ursprünglich von der Theologie herkommt, hatte zuvor in langen Seminaren mit seinen Studenten – ehemaligen Kriegsteilnehmern und Trümmerkindern – die Vergangenheit vom Kaiser- bis zum Hitler-Reich systematisch untersucht.

Er legte sich quer zum Konsens der liberalkonservativen Historiker, daß Hitler lediglich ein häßlicher Betriebsunfall der deutschen Geschichte sei. Fischer und seine Schüler holten Hitler zurück in die Kontinuität der sozialen und wirtschaftlichen Strukturen Preußen-Deutschlands, auch der Interessen und Mentalitäten, die den Mai 1945 überdauert hatten. Er riß die Tore auf zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Nicht so sehr, wie es gewesen, sondern das Warum interessierte ihn. Unser Autor, Professor für europäische Geschichte in Oxford und Schüler Fischers, resümiert, was die internationale Forschung heute über die Kriegsursache von 1914 weiß.

K.H.J.