Irgendwo zwischen dem merkwürdigen Humor der Juristen und dem Schimmel alter Urkunden ist das ins primae noctis angesiedelt, jener wüste Herrenanspruch, der die Töchter der Leibeigenen in deren Hochzeitsnacht in das Bett des jeweiligen Gebietstyrannen ziehen wollte. „Das Privileg des Grundherrn auf das erste Beilager in der Brautnacht“, „die erste Verletzung und Verkostung der jungfräulichen Keuschheit“, „jus cunnagii“, „droit du seigneur“, „derecho de pernada“, so zieht es sich durch die europäische Literatur der Jahrhunderte.

Von ernsthafter Behauptung über Spekulation bis zum Juristenscherz schillert die verstaubte Gier der Rechtsbeflissenen seit dem frühen Mittelalter. Ob es die Brutalität der Sitten unserer Altvordern war oder der seichte Sarkasmus der Annalenschreiber, mehrfach taucht das „Recht“ sogar als Körperhälfte auf: „Droit de cuissage“ soll bedeuten, daß der Grundherr ein nacktes Bein in das Bett der Neuvermählten legen dürfe. Ein gewisser Labessade meinte 1878 dazu, es sei seltsam, wie die Herren der Auvergne hätten schlafen können, da das eine Bein nackt und das andere gestiefelt und gespornt gewesen sei. Seltsam viele Geistliche und Prälaten tauchen als Nutznießer des ins primae noctis auf, so wie überhaupt die Umstände immer wieder auf reichhaltige Männerphantasien deuten.

Heute taucht das ins primae noctis in seriösen Wörterbüchern schon gar nicht mehr auf. Doch nun macht ihm eine umfängliche Untersuchung vollends den Garaus. Der Studiendirektor und Historiker Wilhelm Schmidt-Bleibtreu hat das schwierige Werk unternommen, von einem Nichts nachzuweisen, daß es wirklich ein Phantom war, ein phantastisches Gebilde jener, die zwischen ihren verstaubten Akten ein Quentchen Lüsternheit suchten.

Da es ungemein schwierig ist zu belegen, daß es etwas nicht gab, hat der fleißige Studiendirektor alles an Literatur abgeklappert, was je über das ius primae noctis geschrieben wurde, und das ist nicht wenig. 28 eng bedruckte Seiten füllt die Bibliographie zu diesem Thema in Schmidt-Bleibtreus Buch („Jus Primae Noctis, Herrenrecht der ersten Nacht“, Ludwig Röhrscheid Verlag, Bonn 1988, 28 Mark). Es sind berühmte Namen unter den Hunderten von Autoren, aber, wir ahnten es schon: keine einzige Frau.

Schmidt-Bleibtreu drehte also die gesamte jahrhundertealte internationale Literatur durch den Wolf seiner Skepsis. Dabei hatte er viele zweifelnde Bundesgenossen, zum Beispiel den Rechtshistoriker Karl Schmidt, der das „Recht“ bereits Ende des 19. Jahrhunderts in Abrede stellte. Schmidt-Bleibtreu wühlte sich durch weit mehr Akten, Berichte, Mythen. Der „Hauptbeweis“ sollte ein gewisses Urteil des Groß-Seneschalls der Guyenne aus dem Jahr 1302 sein, in Aquitanisch abgefaßt und 1812 von einem M. de Saint-Amans veröffentlicht. Er verdanke die Auffindung einem glücklichen Zufall. Das Urteil spricht einem klagenden Grundherrn das Recht „de premici et de deflorement“ gegen eine Braut zu, die sich mit ihrem Bräutigam gegen „Vorkost und Defloration“ gewehrt habe. Der Kläger habe beide erstmal eingesperrt und dann geklagt, und das Gericht habe ihm recht gegeben. Der Bräutigam habe dabei sogar noch „in näher bezeichneter Weise“ helfen müssen.

Doch das Datum der „Urkunde“ stimmte nicht mit dem angegebenen Wochentag überein, die Namen der Herrscher waren inkorrekt, die vorhandenen echten Regierungsakten aus dieser Zeit erwähnten die (gewiß wichtige) Entscheidung nicht, es gab keine Abschriften, statt ihrer aber sprachliche Ungereimtheiten in dem „Dokument“, kurz, Schmidt-Bleibtreu tat es wie kritische Geister zuvor als Fälschung ab. Auf diese Weise bricht im Buch das ganze Phantomgebäude nach und nach zusammen. Der letzte Satz des Buches zitiert den Briten Howarth: „,We can be tolerably sure that the droit du seigneur never did exist‘. Diese Feststellung ist richtig.“ Hanno Kühnert