Von Peter Horst Neumann

Eichendorff, wie nur wenige Dichter, hat Zuneigung auf sich gezogen, immer wieder und bis zum heutigen Tag. Aber wir müßten geschichtsblind sein, wenn wir den Abstand ignorieren könnten, der uns von Eichendorff trennt. Die Frage, ob er „noch modern“ sei, ist in seinem Falle so grundverkehrt, daß sie nicht einmal als Jubiläums-Klischee in Betracht kommen kann. Denn modern war Eichendorff nie; er hat sich selbst als den Zuspätgekommenen begriffen, und mindestens in den letzten beiden Jahrzehnten seines Lebens (er starb 1857) behandelte ihn die Literaturkritik, bei allem hohen Respekt, als einen Autor von gestern.

Um so bemerkenswerter bleibt es, daß diese Gestrigkeit Eichendorffs Nachruhm nicht hat behindern können; im Gegenteil: sie ist beinahe staubfrei geblieben, sie ist das Dauerhafte an ihm. So wird man nicht ausgerechnet bei ihm nach Vor-Erinnerungen für unsere eigenen Zeiterfahrungen suchen; aber vielleicht zu Unrecht. Sie könnten sich dennoch finden, wenn auch nicht eben in jenen Werken, die Eichendorffs Popularität begründen – nicht in Erzählungen wie „Das Marmorbild“ oder „Aus dem Leben eines Taugenichts“, nicht in den zwei Dutzend Gedichten, die zum Bestand der deutschen Lyrik und – immer wieder vertont – zum besten unseres Chor- und Klavierlied-Repertoirs gehören.

Ein „interessanter“ Autor war Eichendorff nie, intellektuelle Debatten hat er nicht ausgelöst. Wiederentdeckungen waren nicht nötig. Kein gebrochener Lebenslauf, kein spektakuläres Scheitern, keine kühnen Vorgriffe des Denkens oder der Sprache. Eine Generation von Lesern, die für ihre Endzeit-Ängste unabweisbare Gründe besitzt und die Geschichte der Neuzeit als eine Folge von Scheiterungen interpretiert, wird eher mit den Gebeutelten, Schwierigen, Aufbegehrenden sympathisieren. Gemessen an Hölderlin, Kleist oder Büchner, erscheint der Beunruhigungswert von Eichendorffs Dichtung gering. Mit seinem Namen verbinden sich andere Erwartungen. Etwas Verlorenes leuchtet bei ihm auf: ein unerschütterlicher Lebensmut, sein Urvertrauen in die Natur und die Güte des Schöpfers. Daran wenigstens lesend noch teilzuhaben, dürfte der stärkste Anreiz’sein, der ihm immer wieder neue Leser gewinnt.

Daß seine treuesten Sympathisanten – wie Adorno in seiner kritischen Liebeserklärung („Zum Gedächtnis Eichendorffs“, 1957) befand – „vorab Kulturkonservative“ sind, kann kein Makel sein. Ein starker Affekt gegen den Geist des Technischen Zeitalters prägte Eichendorffs Mentalität, wie die der Romantik insgesamt. Wen könnte es da verwundern, daß sich sein Nachruhm von jeher mit Anti-Fortschritt-Tendenzen und wohlfeilen Ressentiments auch gegen die Kunst der Moderne verband. Hans Pfitzner – um nur dieses eine Beispiel zu nennen – hat seine Eichendorff-Kantate (1922) bekennerhaft gegen die Neue Musik komponiert. Sie ist eine der bedeutenden Romantiker-Vertonungen des 20. Jahrhunderts und stünde rechtens in einem besseren Ruf, wenn sie nicht diesen ideologisch auftrumpfenden Titel „Von deutscher Seele“ trüge, gegen den man in Eichendorffs Namen nur protestieren kann.

Nachklänge seiner Dichtung in neuerer Lyrik sind selten: ein paar Bilder in Trakls Untergangsklagen, auch beim frühen Günter Eich; ein bewußtes Einschwingen bei seinem oberschlesischen Landsmann Max Herrmann-Neiße. Leise und leicht überhörbare Nachklänge in einer nun insgesamt zur Klage gewordenen Naturlyrik. Eichendorff und die Moderne – das gibt keinen Reim. Er hat ihn sich auch bereits im voraus verbeten, als er gegen den „Hexensabbat unserer neuesten unschönen Literatur“ polemisch vom Leder zog und damit nur seine Zeitgenossen meinte, die Jungdeutschen und Heinrich Heine, dessen Ironie er „frivol“ und einen poetischen „Selbstmord“ nannte.

Er stand auf der anderen Seite; und nur wer in den politischen und ideologischen Kontroversen von vorgestern nochmals Partei ergreifen will und banale Gesinnungsnoten nicht scheut, wird sagen, daß es die „falsche“ war. An der Stellung eines Dichters im historischen Streit der Meinungen und Ideen interessiert zuletzt aber nur der Bezug auf das Werk. Im Falle Eichendorffs bleibt dieser Streit oft bis zur Unkenntlichkeit verborgen, zumindest im kanonisierten Teil seiner Schriften, der ihm den Ruf eines Zeitabgewandten eintrug. Zu Unrecht. Denn so fruchtbar Eichendorffs Entscheidung gegen eine zeitgeschichtliche Markierung seiner Erzählungen und Gedichte auch war – sie entsprach den ästhetischen Prämissen der deutschen Romantik und hat am Gelingen seiner besten Texte ihren Anteil –, so oft hat er sie aus der Notwendigkeit seines streitbaren Temperaments durchbrochen.