War die Juristin Isolde Oechsle-Misfeld eine geldgierige Drahtzieherin?

Von Viola Roggenkamp

Hamburg

Seitdem sie sich entschlossen hat, nun doch auszusagen, geht es Isolde Oechsle-Misfeld etwas besser und dem Gericht auch. Die zu Prozeßbeginn frustriert wirkende Männerriege auf dem Richterpodium des Hamburger Landgerichts – anfangs konfrontiert mit einer die Aussage strikt verweigernden Angeklagten – sitzt nun entspannt zurückgelehnt und lauscht den jeweils eine bis eineinhalb Stunden währenden Berichten der angeklagten Juristin: Wie sie in alles hineingeriet, und warum sie sich dem Druck ihres Mandanten Werner Pinzner nicht mehr entziehen konnte.

Sie redet ohne Unterlaß, Weder ihre Anwälte noch Richter oder Staatsanwälte unterbrechen sie. Ihr Ton ist hamburgisch gedehnt, ein wenig nasal und stets gleichbleibend müde. Sowohl für das Gericht als auch für die Journalisten ist sie jetzt eine sehr angenehme Angeklagte. Mal spricht sie protokollreif für die über sie zu Gericht sitzenden Kollegen, dann wieder zitiert sie Pinzner druckreif: "Draußen im Gefängnishof zu sterben und dabei photographiert zu werden, das würde er "unheimlich geil’ finden, sagte er mir."

Der sentimentale Berufskiller und die schönen Frauen. Das kann eigentlich nur aus einem dieser zeitgenössischen TV-Märchen stammen, in denen es um Mord und Sex und Drogen und sehr viel Geld geht. Diese sattsam bekannte, billige Unterhaltungskost ist nicht weniger abgeschmackt, wenn sie Realität wird.

Wolfgang Pinzner war im St.-Pauli-Milieu ein gefährlicher, aber in der Kiez-Hierarchie nicht besonders wichtiger Mann. Ein bezahlter Killer, austauschbar, wenn nötig. Seine Ehefrau Jutta wurde durch ihn drogensüchtig und ließ sich von ihm töten, um damit ihre bedingungslose Liebe zu beweisen. Seine Rechtsanwältin Isolde Oechsle-Misfeld machte sich seinetwegen strafbar und ruinierte sich dadurch beruflich. Sie schmuggelte Rauschgift und Briefe zu ihrem Mandanten ins Untersuchungsgefängnis und wurde schließlich als seine Mordkomplizin verhaftet und angeklagt.

Der Mann und seine zwei Frauen, die alles für ihn taten. Da scheint die Welt noch in Ordnung, so kriminell sie auch ist. Mögen die Gesetze reihenweise gebrochen worden sein, die traditionelle Rollenzuweisung jedenfalls wurde eingehalten.

Dazu gehört auch, daß Isolde Oechsle-Misfeld der Part des intriganten Luders zufiel. Für diesen vorweggenommenen Schuldspruch genügte der Öffentlichkeit die allgemeine Attraktivität der Juristin und ihr beruflicher Erfolg. Beides zusammen gereicht Frauen stets zum Nachteil.

Soweit, so mäßig. Die Hamburger Staatsanwaltschaft indessen schreibt, wie’s scheint, bessere Drehbücher, als wir es vom Fernsehen gewohnt sind. Für sie ist in dem St.-Pauli-Drama um den Berufskiller Pinzner und dessen letztes Opfer, Staatsanwalt Wolfgang Bistry, die Juristin die geldgierige Drahtzieherin, die am Ende alle austricksen wollte: den Mörder, die Polizei und Staatsanwaltschaft, die Presse, die viel Geld für die Pinzner-Story zahlte (das dümmste, was die Branche in solchen Fällen immer wieder gern tut), und sogar den ein und anderen Boss vom Kiez.

Letzter Liebesbeweis

Die Eheleute Pinzner, beide schwer drogenabhängig, waren am Ende ganz auf ihre Rechtsanwältin angewiesen. Daß sie Werner Pinzner schließlich täglich in der Haft besuchte und sprach, "war das letzte, was ich für seine Frau tun konnte", sagte Isolde Oechsle-Misfeld jetzt vor Gericht aus. Pro Besuch berechnete sie 300 Mark. Sie kam 74mal zu Pinzner in die U-Haft; insgesamt also 22 200 Mark allein für Besuchsgeld.

Pinzner wollte Selbstmord machen. Es blieb ihm auch gar nichts anderes übrig. 15 Jahre Gefängnis hätte er ebensowenig überlebt wie die Flucht aus der Haft. Seine ehemaligen Auftraggeber hätten ihn umbringen lassen. Pinzner hatte bei Staatsanwalt Wolfgang Bistry stundenlang Tonbänder besprochen. Darauf steht im Milieu Todesstrafe. Auf ihn soll ein Kopfgeld von 300 000 Mark ausgesetzt gewesen sein. Denn Pinzner, einmal im Knast, war gesprächig geworden, auch um wohl über seine Anwältin Schweigegelder auf dem Kiez erpressen zu können.

Den großartig zu inszenierenden Freitod des Berufskillers sollte ein Reporter von action press in Wort und vor allem Bild dokumentieren. Mit Hilfe der Rechtsanwältin wäre auch dieses Problem zu lösen gewesen. Die Sensation vom großen Abgang sollte teuer an die Presse verkauft werden. Mit den Eheleuten Pinzner hatte Isolde Oechsle-Misfeld bereits eine entsprechende Vereinbarung über die Übertragung der Nutzungsrechte an deren beider Lebensgeschichte geschlossen. Das Recht auf Verwertung, in welcher Form auch immer, sollte über den Tod der Pinzners hinaus für die Anwältin gelten.

Daß Pinzner seine Frau mit in den Tod nehmen wollte, machte den "großen Abgang" kompliziert, denn Jutta Pinzner hatte begreiflicherweise zwar große Lebensängste, doch ebenso große Furcht vorm Selbstmord, den ihr Ehemann ausdrücklich als Liebesbeweis von ihr verlangte. "Ich möchte einfach nicht sagen müssen", schrieb sie ihm in die Zelle, "dieser Tag, diese Stunde und in dem Moment geht’s nicht. Angst zu haben, auch dabei, sei mir doch bitte gestattet." Es scheint also Jutta Pinzner gewesen zu sein – obwohl die Frau des Berufskillers, im Milieu dennoch Außenseiterin –, die dem geplanten Gang der Dinge im Wege stand. Sie durch Pinzner selbst töten zu lassen und vor allem bei dieser Gelegenheit gleich noch Ermittlungsbeamte zu ermorden, dürfte nahegelegen haben.

Die Staatsanwaltschaft glaubt beweisen zu können, daß Reinhard Klemm (genannt "Der Pate von St. Pauli") unter mutmaßlicher Beteiligung von Holger Saß (angeblich Dealer und Zuhälter) diesen Plan entwickelte und Isolde Oechsle-Misfeld damit beauftragte, Pinzner alles beizubringen.

Kannte die Pinzner-Anwältin denn die beiden St.-Pauli-Strategen? Klemm kannte sie womöglich durch Pinzner und Saß aus der Zeit der Vereinsgründung (Ende 1982) "Deutsche Tauch- und Surffreunde e.V.", in dem Isolde Oechsle-Misfeld Schatzmeisterin und die Lebensgefährtin von Saß zweite Vorsitzende war.

Dagegen konnte Pinzner selbst kein Interesse daran haben, Staatsanwalt Bistry zu ermorden. Im Gegenteil wäre der erfolgreiche Ermittlungsbeamte unfreiwillig sein Rächer geworden gegenüber den Auftraggebern, die den inhaftierten Pinzner nun zur Selbstjustiz zwangen.

Dem nicht allein brutalen, sondern auch sentimentalen Berufskiller war aber gewiß einzureden, daß ein solcher "Exitus triumphalis" (Pinzner über sein Ableben) nicht bloß die Sensation überhaupt darstellen würde, sondern seine durch die Geständnisse auf sich geladene "Schuld" mit dem Mord an Bistry "gesühnt" wäre. Mehr noch: Pinzners Tochter Birgit ist womöglich durch diesen letzten Auftragsmord aus einer Art "Blutschuld" ausgelöst worden.

Pinzner war nicht nur von dumpfer Eiseskälte, sondern gleichfalls von ausgeprägter Heimtücke. Sollte, wie die Staatsanwaltschaft zu wissen meint, seine Anwältin seine Komplizin gewesen sein, hat er sie planmäßig den Ermittlungsbehörden ausgeliefert, quasi als Hauptschuldige, nämlich nach seinem Tode an seiner Stelle. Isolde Oechsle-Misfeld hätte in einem Mordprozeß gegen Pinzner dessen Verteidigerin sein können, statt dessen ist sie zur Hauptangeklagten geworden, neben der das parallel laufende Verfahren gegen die drei St. Paulianer Nusser, Hockauf und Träger (Zuhälter und mutmaßliche Auftraggeber beziehungsweise Hintermänner von Pinzner) zunehmend verblaßt und in Vergessenheit gerät. Die Juristin ist nun unter anderem angeklagt, heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen gemeinschaftlich (mit dem toten Pinzner) einen Menschen getötet (Staatsanwalt Bistry) und einen anderen Menschen auf dessen ausdrückliches und ernstliches Verlangen (Jutta Pinzner) getötet zu haben.

"Sie (Oechsle-Misfeld Anm. d. Red.) fragt mich oft", schrieb Jutta am 22. Juli 1986 ihrem Mann, "ob ich hier was Schriftliches liegen hab’, Briefe von Dir. Sie hat Angst, es könnte sie was belasten." Pinzner bewahrte die Briefe seiner Frau und sein Notizbuch auf. Aus diesen schriftlichen Unterlagen geht nicht allein hervor, wie oft und wieviel Rauschgift seine Anwältin ihm unter Ausnutzung ihrer Rechte als Verteidigerin ins Untersuchungsgefängnis schmuggelte. Diese Straftaten hat die Angeklagte inzwischen vor dem Hamburger Landgericht zugegeben, was in der Boulevard-Presse großartig als Geständnis gefeiert wurde. Zugegeben auch, daß sie beim Einschmuggeln der Tatwaffe ins Polizeipräsidium half, aber unter der Regie von Jutta Pinzner. Genau Gegenteiliges geht aus deren Briefen hervor. "Die Beschuldigte", so die Staatsanwaltschaft, werde durch den Inhalt dieser beschlagnahmten Pinzner-Papiere "sowie durch die zahlreichen den Inhalt dieser schriftlichen Urkunden bestätigenden, stützenden und teilweise ausweitenden Zeugenaussagen" auch der Mitwirkung an der Ermordung des Staatsanwaltes Bistry überführt werden.

Daß womöglich Briefe und das Tagebuch zwischen den Eheleuten inhaltlich abgestimmt und wahrheitswidrig abgefaßt wurden, habe sich durch die Ermittlungen nicht bestätigt.

Als der erste Mordversuch mißlang – Jutta gelang es nicht, bei der gemeinsamen Vernehmung vor Bistry ihrem Mann die Waffe unauffällig zuzustecken – soll Isolde Oechsle-Misfeld ihr vorgeworfen haben, sie hätte Pinzner "das Ding doch nur zuzuschmeißen" brauchen. Weil Pinzners bereits geschriebener Abschiedsbrief entdeckt wurde, erkundigte sich Staatsanwalt Bistry bei der Anwältin, ob es Selbstmordpläne gebe. Er wolle nicht, daß dort "zwei Leichen" lägen. "Das ist der größte Schwachsinn aller Zeiten", war ihre Antwort.

Über 18 Monate hatte Isolde Oechsle-Misfeld in der Untersuchungshaft eisern geschwiegen. Angstneurotische Zustände und Magersucht haben sie auf 40 Kilogramm abmagern und knochendürr werden lassen, ein Ausdruck von Lebensverweigerung, und genau darin ist sie zumindest äußerlich Jutta Pinzner ähnlich geworden. Beiden Frauen scheint auch in der Kindheit, im Verhältnis zu den Eltern manches gemeinsam.

Etwas hektisch, etwas flippig

Brav zu sein, keinen Widerspruch zu erheben, wenn, dann nur unauffällig eigene Wege zu gehen, daß mag Isolde Oechsle-Misfeld bereits als Kind gelernt haben: in Auseinandersetzungen mit der älteren Schwester, in Konflikten mit der Mutter ("Zu ihr hatte ich gar kein Verhältnis"), vor allem aber im Umgang mit dem Vater. Und Jutta Pinzner in einem Brief an ihren Mann: "Nur immer abgewinkt zu Hause, immer alles doof bei mir und völlig unnötig. Und diese abweisenden Bewegungen, hab’ sie bis heute nicht vergessen. Und hing trotzdem an diesem Zuhause, tierisch an meinem Vater, weil er auch so schwach war, und meine Mutter ihn ganz schön geschafft hat, und er doch bis zum letzten Atemzug nur an sie gedacht hat."

Ihren Vater habe sie gemocht, und er sie wohl auch; zumindest als sie noch die Jüngste war, die Kleine, erzählte Isolde Oechsle-Misfeld vor Gericht. Dann wurde endlich der ersehnte Stammhalter geboren, und dann noch ein Bruder und noch ein Bruder. Für die war sie nun die große Schwester, die aufzupassen hatte, während ihr Vater an ihr das Interesse verlor.

Vielleicht läßt sich daraus der Ehrgeiz ableiten, mit dem sie sich später auf die Schule und dann aufs Studium konzentrierte. Aus dem kleinen Nienburg an der Weser, aus dem kleinbürgerlichen Elternhaus war ihr der Sprung nach Hamburg gelungen. Nach Abschluß des Studiums machte sie sich rasch selbständig, gemeinsam mit ihrem Mann Thomas Misfeld. Kollegen lernten sie als eine "etwas hektische, etwas flippige Frau kennen, nett aber ziemlich hippelig". Spektakuläre Mandate hatte sie nicht zu übernehmen. Ihr spektakulärster Fall wurde ihr zum Verhängnis.