Von Marina Münkler

Als vor vier Jahren unter dem Titel „Niederungen“ in der Bundesrepublik Herta Müllers erster Prosaband erschien, wurde er als literarisches Ereignis gefeiert, die Autorin mit zahlreichen Preisen, darunter dem Aspekte-Literaturpreis, ausgezeichnet. Man war ebenso überrascht wie begeistert von diesen Nachrichten aus einer fernen Welt, von der man geglaubt hatte, es gebe sie nicht mehr. Herta Müller beschrieb in kunstvoll schlichter Prosa ihre Kindheit im Banat, jener deutschsprachigen Enklave im heutigen Rumänien, aus der sie stammt.

Seit Februar letzten Jahres lebt Herta Müller in West-Berlin. Sie hat Rumänien und das Banat verlassen. Damit hat sie sich, so könnte man meinen, endgültig von der ihr verhaßten Welt verabschiedet, hat den letzten, nach ihren Beschreibungen nur konsequent erscheinenden Schritt getan und ist nun frei. Daß dieser Schritt so einfach nicht ist, dokumentiert in ebenso eindringlicher wie eindrucksvoller Weise ihr Prosaband „Barfüßiger Februar“.

Herta Müller beschreibt ihre Ankunft in der Bundesrepublik, ihre Angst vor dem Neuen, die um so größer ist, als es kein Zurück mehr gibt. „Die Ankunft war im Winter. Fremd war das Land und unbekannt die Freunde. Die Bäume zugeschnitten, kalter Februar.“ Es beeindruckt sofort, mit wie wenigen Worten sie ihren Ängsten Ausdruck geben kann, auch ihren Ängsten vor der Korruption durch den Erfolg als Schriftstellerin. In dem Prosastück „Wenn ich mich tragen könnte“ nennt sie sich „ein Gedächtnis, das sich nicht tragen kann“ und das dafür Geld bekommen habe. Sie beklagt ihre Entwurzelung ebenso wie ihre Verwurzelung in einer Welt, die sie ablehnt.

Insofern ist „Barfüßiger Februar“ auch ein Dokument der Zerrissenheit, es erzählt von der Unmöglichkeit, sich hier heimisch zu fühlen, .eben weil die zurückgelassene „Heimat“ nicht der Ort wehmütig-sentimentaler, sondern bedrängend-abstoßender Erinnerungen ist. Ein Ort, von dem man sich mühsam befreien muß. Befreiung heißt aber zugleich Rückbindung; sie kann nicht im bloßen Abschneiden des Gedächtnisses bestehen, sondern nur in seiner Entäußerung. Und so beschreibt sie im größeren Teil der Prosastücke mit der selben poetischen Kraft, die bereits „Niederungen“ und die Erzählung „Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt“ auszeichnete, die Welt ihrer Kindheit.

In lyrischer, metaphernreicher Sprache erzählt Herta Müller von den Zigeunern, die ins Dorf kommen und von den Dorfbewohnern mit einer Mischung aus Fremdenhaß und Lüsternheit verfolgt werden; von den Straßen, die nur auf jener Seite asphaltiert sind-, auf der das Haus des Bürgermeisters steht; von den Abenden, an denen man beim Abendessen stumm um den Tisch sitzt und nur der Sprecher im Radio Leben vorgaukelt; von den Sonntagen, an denen der Vater im schwarzen Rock das Haus verläßt und abends betrunken zurückkommt. „Den Vater treibt die Dunkelheit ins Haus. Sein Hut hat ihm den Tag verdeckt. Der Vater schwankt im Wein und kotzt über den Rand, an dem wir leben.“ Das ist keine Poesie der Verklärung, sondern eine Poesie der Entblößung.

Es gibt in diesen distanzierenden Beschreibungen auch vorsichtige Versuche, die Kluft zu überwinden. Etwa wenn Herta Müller unter dem Titel „Die kleine Utopie vom Tod“ die Hochzeit ihrer Großmutter aus deren Perspektive erzählt und sie von der Hochzeitsnacht berichten läßt: „Er stieg auf mich Ich spürte unter meinem Bauch ein hartes Feld. Großvater hetzte über seine Erde und er pflügte mich. Als er stockend keuchte, wußte ich: Jetzt streut er seinen Gurkensamen aus. Der Damast verhüllte mich und glänzte matt. Am Fensterkreuz summten sich die ersten Fliegen tot.“