„Ich hatte später lange Zeit zum Nachdenken darüber, wie ein solcher Mensch meine in der Mehrheit kreuzbrave Pfarrgemeinde so ganz aus dem Häusl bringen konnte“, grübelt der mittlerweile 88 gewordene Prälat Ludwig, heute Emeritus, aber immer noch Hilfsseelsorger in Gemeinden rund um Braunau. In Hitlers Zuchthäusern kam dem Geistlichen später ein nahezu häretischer Vergleich. Er erlebte nach dem Anschluß die Wallfahrten der Deutschen zum Braunauer Geburtshaus, das sich heute wie damals nichtssagend als Nummer 15 in eine Straße namens „Salzburger Vorstadt“ einfügt: „Es war wie in Altötting. Das war Massenhysterie, ansteckend, schockierend.“

Nie wieder kam Hitler nach Braunau, nachdem er aus dem rollenden Auto mit erhobenem Arm seine Geburtsstätte begrüßt hatte. Aber noch heute beruhigt es Braunaus Stadtobere, Diskussionsabende mit Zeitzeugen in die benachbarte Stadt Altheim verlegt zu wissen.

Die abendliche Ankunft des durch Blumenregen in jedem Dorf zum Schritt-Tempo gezwungenen Hitler-Konvois in Linz war „einfach nicht zum glaub’n“. Ein SA-Sturmführer, der namenlos bleiben will und heute als bescheidener Pensionist Dackel züchtet, half mit, in die auf dem Rathausplatz versammelte Masse von Menschenleibern eine schmale Trasse zu drücken. Umrauscht von „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“, selbst heiser vom vielen Schreien, malte sich der Nazi aus, welche Bedeutung Österreich künftig im Reiche haben würde. „Ich dachte, daß der Führer künftig mal von Berlin, mal von Wien aus regieren würde.“

Da täuschte sich der Sturmführer ebenso wie sein Parteigenosse und Noch-Bundeskanzler Seyß-Inquart, der sich auf dem Balkon des Linzer Rathauses noch immer in der Hoffnung wiegte, Österreich als Ganzes und nicht als einen traditionslos in Gaue zerschlagenen Landstrich ins Reich einbringen zu dürfen. Denn das Sagen hatten inzwischen längst deutsche Nazis und die entfesselten Massen, die Strohmänner wie Seyß-Inquart bald vergaßen. Als Hitler endlich vor die Linzer Mikrophone trat, ließen Zehntausende ihn selten mehr als einen zusammenhängenden Satz sprechen. Seine erste Rede auf österreichischem Boden wurde von den anbrandenden Wogen der Heil-Rufe buchstäblich in Stücke gerissen.

Sonntag, 13. März

Daß Hitler noch heute leben könnte, ist schon aus biologischen Gründen kaum vorstellbar; Hitler wäre fast 99. Hofrat Dr. Ernst Koref ist 97 Jahre alt. Er hält es für wahrscheinlich, sich mit dem Zöllnersohn Hitler als Kind geprügelt zu haben. Der Altbürgermeister von Linz, politisch ein Roter, besuchte in Linz das Gymnasium, der andere die Realschule. Auf der Spitalwiese kam es zu den üblichen Konkurrenz-Keilereien.

Die österreichischen Sozialisten waren unter dem Kaiser schlecht gelitten, unter Dollfuß wurden sie unterdrückt, und Kanzler Schuschnigg suchte erst in letzter Sekunde einen Ausgleich mit ihnen, als Hitler schon ante portas stand. Doch noch ehe er die Donau erreichte, hatte die Gestapo den roten Gymnasialprofessor Koref schon beim Wickel. Der alte Herr erinnert sich: