Am Ende der Aufklärung steht der walkman. Am Ende der Aufklärung sitzt man in der U-Bahn und hört rhythmisches Zischen aus dem Kopfhörer des Mitmenschen. Am Ende der Aufklärung blickt man in das Gesicht eines Menschen, der „zeitlebens unmündig“ bleiben wird. Ein Gesicht mit stumpfen Augen – wenn sie nicht hinter einer verspiegelten Sonnenbrille stecken. Ein Gesicht, das man nicht erreicht, ein Kopf, der rhythmisch nickt, kurz lebendig wird, wenn der Disco-Hammer kurz pausiert, und dann ins Nichts versinkt, wenn er sich wieder senkt, mechanisch wie eine Maschine, mechanisch wie das Zischen aus dem Kopfhörer, ein Blick, dumpf und träge wie vom Hausvieh.

Wie bitte? Das sei starker Tobak? Das sei menschenfeindlich? Dazu hätte ich kein Recht? Das sei arbeitnehmerverachtend und zynisch, Menschen als faul und dumpf zu bezeichnen, sie gar mit Hausvieh und Maschinen zu vergleichen? Ach, sein Sie nicht so empfindlich. Denn die Wörter, an denen Sie menschenfreundlicherweise Anstoß nehmen, stammen aus dem kleinen Aufsatz „Was ist Aufklärung?“, den Immanuel Kant vor gut 200 Jahren, im Dezember 1784 veröffentlicht hat. Kurz gesagt, steht folgendes auf seinen acht Seiten: Aufklärung ist der Versuch des Menschen, sich aus Dummheit und Abhängigkeit herauszuarbeiten, sich der Gängelung durch Fürsten und Vorurteile zu entziehen und das Wagnis auf sich zu nehmen, selbst zu denken. Kant, der der Meinung war, die Menschen seien aus krummem Holz gemacht, traute dabei dem einzelnen Menschen wenig zu, der Gesellschaft aber – dem „Publikum“, wie er sagte – viel. Es sei, so schreibt Kant, „beinahe unausbleiblich..., daß ein Publikum sich selbst aufkläre,... wenn man ihm nur Freiheit läßt (...) Freiheit, von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen“. Da wird ein Zusammenhang hergestellt von Aufklärung, Öffentlichkeit und Freiheit. Ein Volk denkt, sagte Walther Rathenau, indem die Menschen miteinander reden – und wenn sie folgenreich miteinander reden, ist das Volk souverän.

Die Geschichte Mitteleuropas war auch die Geschichte des Kampfes um Öffentlichkeit. Zu Beginn dieses Jahrtausends durften nur die einen reden und die meisten mußten zuhören. Unten mochte das Volk immerhin schwatzen, wenn der Priester die Welt erklärte; und es mochte fluchen über den Befehl – wenn der Herr den Rücken kehrte. Die Kirche dekretierte, was Wahrheit, was das Wesen der Dinge sei, und wem sich die Erde zu sehr drehte, der kam auf die Streckbank; die Herren definierten die Gerechtigkeit auf Erden, und auch dabei hatte das Volk nicht mitzureden. Öffentlichkeit war repräsentativ, war Schauspiel: wenn der König vor sein Volk trat oder heiratete, wenn eine Reliquie vorbeigetragen wurde. Öffentlichkeit war die Zurschaustellung von Macht und Wahrheit vor dem Volk. Das Volk war Publikum, wie wir es heute verstehen: passiv, widerspruchslos, stumm.

Dann fingen einige an zu denken. Es begann in den Städten, auf den Marktplätzen des ausgehenden Mittelalters. Händler aus aller Herren Länder, freiheitsgierige Landflüchtlinge, wissensdurstige Handwerker redeten miteinander. Aus den Klöstern und Werkstätten drang das Gespräch – langsam – auf die Plätze. Eine Zeitlang versuchten die Eigentümer des Diesseits und die Verwalter des Jenseits das allgemeine Gespräch zu verhindern. Aber es war zu mächtig, was sich da Bahn brechen wollte. Und vor allem half die Technik: mit Buchdruck und mit der Entwicklung des Verkehrs war die Aufklärung, war das Reden der Menschen miteinander nicht aufzuhalten.

Aufklärung – das war lange fast gleichbedeutend mit „Öffentlichkeit herstellen“: die Geheimnisse der Zünfte, der Dogmen, der Kabinette allen zugänglich zu machen, dafür zu sorgen, daß alle sich die Gesetze und die Heilige Schrift und das weltliche Wissen aneignen konnten. Öffentlichkeit war ein Kampfbegriff gegen exklusive Autorität, gegen die private Verfügung über Menschheitswissen, gegen das Monopol auf die Auslegung der Dogmen. Zunächst wurde nur gedacht, aber man weiß, wohin es führte. Die Bauern verteilten Flugblätter mit Bibelsprüchen, die Bürger schwenkten die Bücher, wurden reich und selbstbewußt gegenüber denen, die sich nur auf Grundbücher und Vorurteile berufen konnten. Es endete damit, daß sie das Parlament besetzten und nicht mehr rausgingen.

Lenin sagte: Lernen, Lernen, Lernen

Jeder, der etwas zu sagen hatte, sollte nun mitreden dürfen: Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Abschaffung von Zensur – das stand auf den Flugblättern der Französischen Revolution. Aber auch im 19. Jahrundert noch stand es vorwiegend auf dem Papier. Den Bürgern reichte, daß sie die Macht der Adligen eingeschränkt hatten: Alle Vernünftigen, so fanden sie, waren jetzt dabei. Das neunzehnte Jahrhundert war ein Klassenkampf auch um die Öffentlichkeit. Es gab Lesegesellschaften, Flugblätter, Volksschulen, Gewerkschaftsversammlungen, aber immer noch Dreiklassenwahlrecht und Zensur. Stück für Stück wurde dann die Zensur aufgehoben, das gleiche Wahlrecht gewährt, die öffentliche Erziehung eingerichtet. Natürlich wurde nichts „aufgehoben“, nichts „gewährt“ und nichts „eingerichtet“. All diese Einschränkungen der Öffentlichkeit wurden erkämpft. Aber dieser Kampf um Öffentlichkeit und Demokratie war zugleich – und sonst wäre er auch nicht möglich gewesen – ein Bildungsprozeß. Das Volk wollte mitreden, aber es wollte das Recht dazu nicht geschenkt haben. Wissen ist Macht – so hieß das in der Arbeiterbewegung; und Lenin sagte: Lernen, Lernen, Lernen. Immerhin: Nach dem ersten Weltkrieg war das Wahlrecht endlich für alle gleich, und die Idee der Demokratie hatte fast die Festigkeit eines allgemeinen Volksvorurteils. Der Analphabetismus war abgeschafft, und die Staatsgewalt, so hieß es, ging vom Volke aus. In Berlin gab es die ersten Gesamtschulen, nebenan wurde Marxismus gelernt und die „Dreigroschenoper“ aufgeführt, und die Sozialdemokraten sprachen von Wirtschaftsdemokratie. Wer jetzt noch an Ungleichheit und Dummheit interessiert war, der konnte nicht einfach alles so lassen, wie es war, der mußte einen schon erreichten Aufklärungsstand bekämpfen, der mußte Herrschaft als „Volksgemeinschaft“ tarnen.

Es wäre nicht so einfach gewesen, hätte nicht – wie vierhundert Jahre zuvor die Druckerpresse der Aufklärung – eine neue Technik der Gegenaufklärung geholfen. Ohne Hugenbergs Massenpresse und ohne den Rundfunk (und natürlich ohne die Zerstörung der Versammlungsfreiheit und die Wiedereinführung der Pressezensur) hätten die Nazis die Massen nie gewinnen und begeistern können. In der Logik kommerziell betriebener Massenmedien liegt zunächst nur die gefällige Entpolitisierung: „Radio zu Hause!“ schrieb Goebbels 1925, „der Deutsche vergißt über Radio Beruf und Vaterland. Radio! Das moderne Verspießerungsmittel!“ Aber man kann es auch anders benutzen; in Deutschland beginnt der Siegeszug des Radios mit dem Nationalsozialismus, dieser Massenbewegung zur Zerschlagung der Massen, des Kantischen Publikums. Er ersetzte die politische Versammlung durch die Massenmanifestationen mit Mikrophon und Großlautsprechern – weg vom Argument, hin zum Gefühl, zur Fesselung einer ganzen Nation einzelner vor dem Radio, zur Monopolisierung der öffentlichen Meinung.

Mit den Nazis und ihrem Radio begann hierzulande das Ende der Aufklärung. Druckerpresse, Manufaktur und Repetiergewehr waren die Voraussetzungen für die bürgerlichen Revolutionen gewesen; Großindustrie, Zeitung und Wahlzettel für die Emanzipation des Proletariats. Mittels Hugenbergs Massenpresse, des Ufa-Kinos und des Volksempfängers ist sie beendet worden – und mit dem Ende der proletarischen Emanzipation wurden 1933 auch die Errungenschaften der bürgerlichen auf blutige Weise zerstört.

Nach dem Krieg hat man dann, aus der Erfahrung heraus, was eine Verbrecherbande mit so einem starken Instrument anfangen kann, versucht, den Rundfunk öffentlicher Kontrolle zu unterwerfen, ihm einen „Informations- und Bildungsauftrag“ zu geben, und die Presse durch das Verbot der Konzentration zu bändigen. Eine Weile hielt es, und die Zensur bleibt verboten, aber die Zeit der Aufklärung und der Öffentlichkeit geht ihrem Ende zu. Trotz ARD und Pflasterstrand, trotz Spiegel, stern und tat. Sie geht zu Ende, wir merken es nur nicht. Merken es so wenig, wie im 15., 16., 17. Jahrhundert die adligen Herren merkten, daß sich da zwischen den einzelnen Städten neue Netze bildeten, wie sich all die kleinen Veränderungen – im Verkehr, in der öffentlichen Sprache, im Finanzwesen – zu einer neuen Struktur zusammenschlössen, die ihre Herrschaft beenden sollte. Sie hielten die katholische Kirche und das Herrenrecht für ewig – so wie wir Parlamente, Universitäten, Zeitungen und Schulen. Sie hielten den Gläubigen und den gehorsamen Menschen für ewig, so wie wir den denkenden, argumentierenden, zuhörenden, überzeugbaren. Aber da ändert sich etwas.

Fischli, Chips und Würmli

Nicht daß schon die Lüge grassiert und die Bürger mit Terror niedergeknüppelt werden. Nein, die ganze Sphäre der Öffentlichkeit selbst schrumpft. Pressefreiheit, bis vor kurzem die Freiheit von zweihundert reichen Männern, ihre Meinung sagen zu lassen, ist heute bereits fast schon die Freiheit von zwei, drei Parteien und zwei, drei Konzernen, das Volk, sofern es das Lesen aufgegeben hat, mit bunten Bildern und sprachähnlichen Äußerungen zu bombardieren. Und wer hier sagt: „Wieso, wo ist da die Unfreiheit – die Menschen sind doch frei, am Kiosk anderes zu kaufen und abzuschalten?“ – der vergißt ganz bewußt, daß Aufklärung, wie seit Kant bekannt, eine Arbeit ist: „Die Menschen arbeiten sich von selbst nach und nach aus der Rohigkeit heraus, wenn man nur nicht absichtlich künstelt, um sie darin zu erhalten.“ Herausarbeiten – deshalb haben wir einst öffentliche Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Parlamente eingerichtet. Wahrscheinlich waren die Chancen für massenhafte Aufklärung größer, als es wenige kleine Zeitungen gab. Was in ihnen stand, wurde diskutiert und weitererzählt, fand allmähliche Verbreitung. Die gegenaufklärerische Massenpresse aber versiegelt gleichsam den Acker, auf den die Körner der Erkenntnis fallen: sie, der Plärrfunk und das Fernsehen.

Es ist viel über das Fernsehen geschrieben worden, und ich will das nicht wiederholen. Wichtiger fast als ideologische Inhalte ist seine Funktion als Zeitstaubsauger: Rund hundert Arbeitstage, die je-

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der statistische Bürger im Jahr vor dem Schirm sitzt, gehen der „Gesellschaftlichkeit der Gesellschaft“ verloren. Der Fortschritt der Produktivkräfte gibt den einzelnen mehr Zeit – aber diese Zeit führt nicht zu mehr Austausch, zu einem höheren „Verdichtungsgrad“ der Gesellschaft. Sondern sie bleibt „beim einzelnen“ – so wie er ist, mehr oder meist weniger in der Lage, sich dem neuerlichen Diebstahl seiner Emanzipationschancen durch die Verlockungen der Freizeitindustrien und der eigenen Dumpfheit zu entziehen. Wie hatte Kant gesagt: Es ist „für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar liebgewonnen und ist vorderhand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ. (...) Daß aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist (...), wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unausbleiblich.“

Wer Aufklärung töten will, der muß deshalb die Menschen vereinzeln – in Marschkolonnen oder vor dem blauen Schirm. Der muß dafür sorgen, daß weniger geredet wird – in der Werkstatt, beim Essen, auf der Parkbank, im Stehcafé. Mit Fernsehen, mit Video, mit Stereo-CD-Radio-Receivern, mit Teleshopping, das sie nicht einmal mehr in die Stadt gehen läßt. Man muß die Menschen vereinzeln, muß sie zu couch potatoes machen – das ist der neueste amerikanische Euphemismus für alle, deren Einkommen es ihnen eben nur gestattet, im Vorort mit Fischli, Chips und Würmli vor den Apparaten zu sitzen und sich den Kopf füllen zu lassen. Vereinzeln aber auch an Arbeitsplätzen, bei denen man immer mehr nicht mit Kollegen, sondern mit Systemen „kommuniziert“, vereinzeln durch die Wiedereinführung der – elektronischen – Heimarbeit. Die Menschen werden immer stummer: An die Stelle des Gangs über den Flur oder des Anrufs beim Kollegen tritt die elektronische Leitung. Programme werden bedient und zu Programmen brummt man mit. Vereinzeln schließlich durch die Beschallung von Ladenpassagen, öffentlichen Plätzen und Kanalfähren.

George Orwell hat das vor vierzig Jahren kommen sehen, als er die „Vergnügungszentren der Zukunft“ beschrieb. Die Funktion der allgegenwärtigen Musik sei es, „Gedanken und Unterhaltungen zu vermeiden ... die Tendenz des Radios und des Films gehen dahin, das Bewußtsein des Menschen zu schwächen, ihre Neugier zu trüben und ganz allgemein, den Tieren anzunähern“ – kurz, die ganze Arbeit der Aufklärung rückgängig zu machen. Vierzig Jahre nach Orwell sind wir, in der Küche, im Taxi, in der U-Bahn, im Büro, fast nie außerhalb der Reichweite von Musik oder Programmen anderer Art. Wir bilden nicht länger Gesellschaft – wir werden von ihr eingehüllt.

Die jämmerlichen Tröpfe spielen

Die Freiheit des Bürgers ist die, zwischen verschiedenen Programmen zu wählen. Öffentlichkeit ist (wenn sie es je war) nicht länger ein Geflecht aus einer Vielzahl von Akteuren, die reden, streiten, denken. Öffentlichkeit ist jetzt ein Raum, in dem sich der Stärkere durchsetzt, in dem sich das lautere Programm behauptet.

Aber es sind nicht nur die Medien. Es ist nicht nur der Bereich der „öffentlichen Meinung“. Die neuen Erscheinungen, die der Kulturkritiker beklagt, gehen einher mit einer Zerstörung von alten Orten gesellschaftlicher und politischer Öffentlichkeit. Die Sanierung der Altstädte, die Trennung von Wohnung, Arbeitsplatz und Einkaufsläden zerstört die Mischung von Interessen, Menschenarten und Generationen auf den Straßen und Plätzen der Städte; der Straßenverkehr tut ein übriges.

Und weiter: Seit Jahrzehnten schrumpft das Netz des öffentlichen Verkehrs. Die Bundesbahn hat fast alle, ihre Nebenstrecken stillgelegt. In den Städten ist der öffentliche Verkehr so unattraktiv und teuer, daß die Menschen allein im Auto sitzen – allein mit ihrem Radio, statt sich zu drängeln, zu stoßen, zu berühren, einander anzusehen und miteinander zu schimpfen und zu reden. Die Post reduziert den Briefverkehr seit Jahrzehnten und will nun auch beim Telephon den Individualtarif überdurchschnittlich heben. Überall herrscht eine Tendenz zu Individualisierung und Isolierung. Teile und herrsche – das scheint der Imperativ der modernen technischen und gesellschaftlichen Entwicklung zu sein.

Man trifft nur noch seinesgleichen: die Politiker fahren nicht in der U-Bahn, und die Blankeneser Kinder bleiben, nach dem Scheitern der Bildungsreform, wieder wie früher ein Leben lang unter sich. Der Prozeß der Entmischung von Öffentlichkeit wird auch in fast allen großen Institutionen der Gesellschaft immer weiter getrieben. Forschung und Lehre, Elitenbildung und Ingenieursausbildung rücken in diesem Jahrzehnt wieder auseinander; die wichtigsten Unternehmungen der Wissenschaft wandern aus den Universitäten zu den Großunternehmen – und damit ins Private; und das Parlament, verrät uns die politische Soziologie, ist schon lange nicht mehr ein Ort, an dem argumentiert wird – es ist eine Bühne, auf der Akteure legitimieren, was zuvor in den Lobbies der Exekutivbüros ausgehandelt wurde – nichtöffentlich, dafür um so stabiler.

Viele dieser a-demokratischen Entwicklungen haben mit dem Wachsen unserer Gesellschaften zu tun, und die Idee der Demokratie, die in überschaubaren und homogenen Gesellschaften entstanden ist, ist sicherlich nicht mehr – im Sinne geselliger Unmittelbarkeit – auf unsere Wirklichkeit zu übertragen. Aber muß die Lücke zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen immer größer werden? Ist das nicht gefährlich, weil es Tempo und Richtung der großen Apparate unkontrolliert läßt? Kann man nicht Öffentlichkeiten mittlerer Reichweite, kann man nicht neue Institutionen zwischen der Familie und dem Staat gleichsam wieder – planen?

Dem Einwand, man könne derlei nicht technokratisch planen, muß entgegnet werden: Es geschieht ja. Es wird ja so vieles veranstaltet, was dem offensichtlich unstillbaren Bedürfnis der Menschen, in Gesellschaft zu sein, Ausdruck verleiht. Nur ist das Neue keine diskutierende politische Öffentlichkeit, sondern die repräsentative Öffentlichkeit der staatlich veranstalteten Spielkultur. Das ist die neueste Tendenz: Während das Bibliothekswesen darbt, die Professoren vergreisen und die Gesamtschulen zerfallen, führt die kommunale Festivalkultur die Singles und die Kleinstfamilien zu Stadtteilfesten, Bezirksjubiläen, Altstadtspektakeln und sommerlichen Kulturtagen zusammen. Als sollten, generalstabsmäßig geradezu, die von der Emanzipationsbewegung der sechziger und siebziger Jahre freigesetzten Energien jenseits des Politischen wieder gebunden werden, finanziert der Staat bereitwillig Feste und Festivals aller Art, baut Literaturhäuser, Theaterfabriken und Musikhallen. Parteien proklamieren die „Kulturgesellschaft“ für die neuen Mittelschichten – und fürs Grobe gibts SAT 1. Die Hoffnung, die etwa Jürgen Habermas hegt, die „basisnahen Gegenöffentlichkeiten“ könnten dauerhaft „subversive Gegengewichte bilden... zur vermachteten Öffentlichkeit“ ist zwar realistischer als die Hoffnung auf „Massenaktion“. Aber sie trägt nur, wenn diese Gegenöffentlichkeiten sich nicht in die anregenden, gut alimentierten, aber politisch sterilen Nischen höherer Freizeitgestaltung abdrängen lassen, sondern ganz traditionell Öffentlichkeit herstellen und Debatten entfachen: über die Zukunft von Technik und Arbeit, Schule, Verkehr und Natur. Aber jeder Versuch in diese Richtung hat es schwerer als die Initiative für noch ein Schleswig-Holstein-Festival.

Es entsteht so – getrennt von Politik – ein „öffentlicher Raum“ von der Art, wie ihn schon der Eroberer Kyros 546 v. Chr. nach der Eroberung Lydiens einrichtete: Hurenhäuser, Arenen und Schenken wurden gebaut, öffentliche Spiele veranstaltet und ein Befehl erlassen, daß alle Bewohner daran teilzunehmen hätten. Kyros erreichte sein Ziel spielend: Die Widerstandskraft des eroberten Volkes wurde so andauernd und vollkommen geschwächt, daß die Soldaten des Kyros kein Schwert mehr zu ziehen brauchten. „Diese jämmerlichen Tröpfe“, so überlieferte es Etienne de la Boëtie, „vergnügten sich damit, alle Arten von Spielen zu erfinden ... So ist nun einmal der Charakter des kleinen Mannes, der die Masse der städtischen Bevölkerung ausmacht... Kein Fisch läßt sich durch einen Wurm so rasch an die Angel ködern, wenn man ihm nur schmeichelt.“

Öffentlichkeit wird so tendenziell zum Herrschaftsmittel. Die Zeit der alten Öffentlichkeits-Arenen, der Städte und Plätze, geht zu Ende. Die Bibliotheken, Universitäten, Parlamente, die Volksbildungsinstitutionen werden noch mitgeschleppt, doch langsam, und unter Beibehaltung alter Namen und Oberflächen zentralisiert sich die Kommunikations- und Herrschaftsstruktur der Gesellschaft. Das „Prinzip Diskurs“, auf das Europa ein paar schöne Jahrhunderte hinzustreben schien, wird überlagert vom „Prinzip Reiz-Reaktion“ – und zum Ausgleich gibt’s, zielgruppenspezifisch und altersdifferenziert, die Spielothek.

Reicher sind wir also geworden, aber der Reichtum hat uns auf Dauer nicht fähig gemacht zur Selbstregierung. Der Unterschied zu Kyros’ Zeiten: Wir wissen es. Kaum eine Woche ohne Untersuchungen, die belegen, daß die Kommunikationstechniken die Geselligkeit und die Kreativität zerstören. Diese Untersuchungen, mitsamt unserer Ahnung, daß etwas dran ist, bewirken ebensoviel wie etwa die Untersuchungen über das Ozonloch. Viele Millionen Menschen müßten aufhören, Sprühdosen und Schaumstoffe zu verwenden, damit dieses Loch nicht weiterwächst – und viele Menschen müßten wieder direkt miteinander reden, streiten, sich belehren und koalieren, damit das Aufklärungs-, das Öffentlichkeitsloch in der Mitte unserer Gesellschaft nicht weiter wächst.

Es hat sich inzwischen die Ansicht Bahn gebrochen, daß wir kein Recht haben, die Lebensmöglichkeiten der kommenden Generationen zu verspielen, die Rohstoffe, die Wälder, das Wasser zu verbrauchen; der Gedanke, daß das auch für die „gesellschaftlichen Errungenschaften“ gilt, für die hart erarbeitete Aufklärung, ist zwar zweihundert Jahre alt, aber noch nicht allgemeines Bewußtsein. „Ein Zeitalter“, schreibt Kant, „kann sich nicht verbünden und darauf verschwören, das folgende in einen Zustand zu setzen, darin es ihm unmöglich werden muß, seine (vornehmlich so sehr angelegentliche) Erkenntnisse zu erweitern, von Irrtümern zu reinigen und überhaupt in der Aufklärung weiterzuschreiten. Das wäre ein Verbrechen wider die menschliche Natur, deren ursprüngliche Bestimmung gerade in diesem Fortschreiten besteht.“

Das Gefäß des Gemeinwesens

Wer dies tut, wer mitwirkt an diesem Prozeß, der die Öffentlichkeit der Bücher, der Zeitungen, der Erzählkunst und der Diskussion zerstört, wer die Hoffnung aufgibt, daß dieser gesellschaftliche Reichtum für immer mehr Menschen erreichbar ist – „wer die klassischen Öffentlichkeiten zerstört“, der ist laut Alexander Kluge „ein Geschichtsverbrecher“, weil er das „Gefäß des Gemeinwesens“ zerschlägt, und damit künftige Möglichkeiten der Aufklärung des Denkens, des Fühlens, des Diskutierens (und wahrscheinlich ein für allemal) verschüttet. Es geht deshalb, so schreibt Kluge, „um eine der ganz seltenen Fragen, die die Souveränität betreffen“.

Was tun? Der Artikel „Zensur“ der Encyclopedia Britannica, der die geistlose Zerstörung von Gesellschaftlichkeit durch das Fernsehen beklagt, endet mit der salomonischen Frage: „Wenn eine Gesellschaft erkennen würde, daß Fernsehen die heranwachsende Generation verdirbt, den politischen Prozeß verzerrt und ganz allgemein Erziehung und Gemeinsinn, den public character, verwüstet – ist diese Gesellschaft wirklich hilflos, hier etwas zu tun? Wäre es Zensur, solch verderblichen Einfluß abzuschaffen?“

Der Gedanke, man könne das Fernsehen abschaffen, ist so undenkbar geworden wie der, man könne das Auto wieder durch die Eisenbahn ersetzen. Und so wird – bei allem hinhaltenden Widerstand im Einzelnen – das Loch inmitten der Gesellschaft wachsen. Die Aufklärung wird in die Randzonen der Gesellschaft wandern, dort wird man sie in Ruhe lassen, aber sie wird künftig folgenlos bleiben. Wir wissen, wer ein Interesse darin hat, daß es so ist, aber wir können wohl immer noch keinen besseren Grund dafür angeben, daß es so sein muß, als den Kantischen: daß zu viele zu faul sind, sich aus der Unmündigkeit herauszuarbeiten, und zu viele zu feige, den Verderbern der Öffentlichkeit entgegenzutreten.

Weniger pathetisch gesagt: Das Menschenbedürfnis nach Aufklärung, ja: nach Gesellschaft hat sich, historisch gesehen, auf dem Markt nicht durchsetzen können. Wahrscheinlich war es falsch, nein, mit Sicherheit war es falsch, den Markt hier entscheiden zu lassen: Denn nun haben die Menschen den Nasenring der Dummheit nur eingetauscht gegen – einen walkman. Und alles, worauf wir hoffen können, ist die gute Isolierung der Kopfhörer.