Von Marlies Menge

Raus Sorge schien berechtigt. Er wollte zum Sonntagsgottesdienst in die Leipziger Thomaskirche gehen und befürchtete, Leute mit Ausreiseanträgen könnten seinen Gottesdienstbesuch nutzen, um ihre Forderungen öffentlich zu stellen. So wie die augenblickliche Stimmung ist, war es eher verwunderlich, daß das nicht geschah. Erst bei seinem Messe-Rundgang wurden dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Briefe zugesteckt. Am zweiten Tag der Leipziger Messe trafen sich Ausreisewillige in der Nicolaikirche und zogen danach durch die Straßen zur Thomaskirche. Schon seit dem 17. Januar – dem Tag der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration – gehen sie immer wieder in Kirchen und zwingen Pfarrern einen Dialog auf, den zuständigkeitshalber staatliche Vertreter führen sollten.

„Die Gründe, weshalb Menschen ausreisen wollen, klingen manchmal ganz banal“, sagt Ruth Misselwitz, Pfarrerin in der Ostberliner Gemeinde Alt-Pankow. „Oft sind es zwischenmenschliche Probleme, Midlife-Krisen.“ Die zierliche junge Frau war mir in den Ostberliner Fürbittgottesdiensten aufgefallen, durch ihre Predigten, die immer zur Verständigung mit den anderen aufgerufen hatten. „Wir sind leider zum Entweder-Oder erzogen worden. Wir haben keinen Pluralismus gelernt. Auch die Christen waren in ihrer Geschichte voller Intoleranz gegenüber anderen Religionen. Wir haben unsere Götter so verinnerlicht, wie die Kommunisten den Marxismus.“

Ich sitze ihr in ihrem Wohnzimmer gegenüber. Zunächst ist sie sehr zurückhaltend: „Auf der einen Seite brauchen wir die westlichen Medien, um Dinge bekannt zu machen. Bei den Freilassungen vom Februar haben sie sicher geholfen. Auf der anderen Seite liefern sie immer gleich Meinungen und Emotionen mit.“ Ihre Haltung zu. den westdeutschen Medien sei deshalb zwiespältig. „Außerdem lösen die Westmedien unter uns ein ungutes Konkurrenzverhalten aus. Jeder guckt: Wer war in der Tagesschau und wer nicht? Und sie bauen Helden auf. Vera Wollenberger zum Beispiel wurde stärker gezeigt, als sie ist. Hätten sie auch ihre Schwächen gezeigt, hätten die Leute ihr später nicht übelgenommen, daß sie gegangen ist.“

Ruth Misselwitz hat, kaum war sie Pfarrerin in Pankow, einen Friedenskreis gegründet. Zuerst waren sie dreißig, zur Zeit der Raketenstationierung über hundert. Es gab eine Theatergruppe, eine Gruppe „Friedenserziehung“, eine, die sich mit rechtlichen Fragen des Wehrdienstes beschäftigte. Vera Wollenberger hatte auch dazu gehört, bis sie zur „Kirche von unten“ abwanderte: „Das hat bei vielen von uns Schmerz ausgelöst. Wir dachten, selbst, Kirche von unten‘ zu sein, manche fühlten sich abqualifiziert.“

Als Vera Wollenberger in den Westen gegangen ist, waren einige enttäuscht, meinten, sie hätte die sechs Monate, zu denen man sie verurteilt hatte, absitzen sollen: „Das kann man gut sagen, wenn man im warmen Wohnzimmer sitzt“, sagt Ruth Misselwitz. Manchmal in den turbulenten Tagen hätte sie sich mehr Dialog zwischen Staat und Kirche gewünscht.

Das Ausreiseproblem ist nicht gelöst, belastet die Innenpolitik und immer stärker auch die Deutschlandpolitik der DDR, läßt eine neue Art Koalition der Vernunft wünschenswert erscheinen, zwischen DDR-Regierung und DDR-Kirche. Der SPD-Politiker Rau reist häufig in die DDR. Im Januar, als er die Beuys-Ausstellung eröffnete, redete er in der Akademie der Künste, im Luther-Jahr hat er sogar in Leipzig gepredigt. Im Januar und am letzten Sonntag traf er Erich Honecker, beide Male wurde die gute Atmosphäre des Gesprächs gelobt. Trotzdem beobachtet auch er Belastungen im deutsch-deutschen Verhältnis, zum Beispiel bei Bundestagsreisen. „Da kommen gutwillige Abgeordnete, und denen sagt man: ‚Wenn ihr private Kontakte habt, dürft ihr nicht reisen.‘“ Ich treffe ihn im Gästehaus des Leipziger Bezirkshauses beim Frühstück. „Mir scheint, daß die DDR bisher den Eindruck zu erwecken versucht, es gäbe das Problem der Ausreise nicht“, sagt er. „In den Gesprächen wird es eher beiläufig abgetan, so heruntergespielt, als ob es gar nicht existiert.“ Keine Chance offenbar für freimütige Gespräche über ein Problem, das durch Verdrängung kaum gelöst werden kann. Johannes Rau überlegt, ob das Problem der Ausreisen nicht auch mit den westlichen Medien zusammenhinge: „Das Miterleben vermeintlichen westlichen Lebens und das Nicht-dahin-Können...“