/ Von Christian

Moskau, im März

Nur eine Straßenbahn trennt die beiden Moskauer Friedhöfe. Den Strom der Menschen, der an allen Feiertagen aus den quietschenden Wagen der alten Elektrischen quillt, drängt es nach rechts zu den goldenen Zwiebeltürmen. Hinter der orthodoxen Kirche ziehen sich die langen Alleen der russischen Gräber sternförmig in den Birkenwald. Um die Stätten der Ruhmreichen – Poeten, Sänger, Akademiemitglieder – wird es hier nie still. Auf der linken Seite der Bahnschienen hingegen herrscht Ruhe. Dort liegen die letzten Ruhestätten der Armenier in Moskau. Dunkle Mauern schirmen den versteckten Ort ab.

An diesem Sonntag ist der armenische Friedhof erwacht – unter dem Schmerz einer gequälten, von ihrem Trauma verfolgten Nation. Hunderte drängen sich vor der schmucklosen Kapelle aus rostrot übertünchtem Ziegelstein und halten ihre Spruchbänder den westlichen Kameras entgegen: "Völkermord", steht da zu lesen. "Sumgait ist eine Intervention des Pantürkentums in der UdSSR", "Wir sind für glasnost. Wir fordern glasnost in der Karabach-Frage."

Die Nachfahren jener Generation, die 1915 in der Türkei zum Opfer des ersten Völkermords in diesem Jahrhundert wurde, gruppieren sich hier auf der hügeligen, eisglatten Fläche vor dem kleinen Portal wie der antike Chor in einem Amphitheater. Auf den offenen Gesichtern zeichnet sich Fassungslosigkeit ab, nicht Fanatismus. In Schneefall und Frost beraten die Moskauer Armenier von zwölf Uhr mittags bis zum Anbruch der Dunkelheit, wie sie ihre Forderungen aufrechterhalten und gleichzeitig Geduld bewahren können.

Zeitgleich, doch zweitausend Kilometer weiter südlich, zelebriert das achtzigjährige Oberhaupt der ältesten christlichen Staatskirche, der Katholikos Wasgen I., im armenischen Nationalheiligtum Edschmiadsin einen Gedenkgottesdienst für die Opfer von Sumgait. Dort hatten aserbeidschanische Nationalisten Ende Februar unter der armenischen Minderheit ein Blutbad angerichtet – als Antwort auf das Verlangen der (zu Aserbeidschan gehörenden) armenischen Enklave Nagornyj-Karabach, an die Nachbarrepublik Armenien angeschlossen zu werden.

Ein Volk, das die Russen als Schutzmacht stets respektiert hat, das den Kodex von glasnost und perestrojka peinlich genau beachtete, um seine ethnisch gerechtfertigte, politisch aber unerfüllbare Zusammenführung zu betreiben, steht vor den Gräbern eines neuerlichen Pogroms. Geprägt von alten, begreiflichen Verfolgungsängsten, jedoch umsichtig noch in seinen irrealen Hoffnungen stellt dieses Volk Gorbatschows Politik der moralischen Erneuerung auf die bisher schwerste Probe.

"Michail Sergejewitsch hat unseren Unterhändlern gesagt, daß wir keine Extremisten sind", ruft einer über die Gräber. "Aber Tass, die zentrale Presse und das Fernsehen vermitteln den gegenteiligen Eindruck. Und über die grausamen Gewalttäter, die von den Aserbaidschanern ganz gezielt nach Sumgait in Marsch gesetzt wurden mit Messern, Stöcken und sogar Kalaschnikows, schweigt die Presse völlig – das ist verbrecherisch."

Da braust lauter Beifall über den kleinen Friedhof. Einer vom neugegründeten Moskauer Komitee, das alle weiteren Schritte und Aktionen in der Sowjetmetropole mit der armenischen Hauptstadt Jerewan koordinieren will, beschwichtigt sogleich: "Unsere Vorfahren haben uns ans Herz gelegt, Freundschaft mit den Russen zu halten."

Angst vor dem Exodus

Ein Historiker, wirrer und sektiererischer wirkend als die meisten anderen Redner, behauptet: "Gut, hier auf diesem Friedhof liegen viele Menschen, die in ihrem Leben für die armenisch-russische Freundschaft eingetreten sind. Aber das Fernsehen ist heute schlimmer als die Türken. Das zeigt, daß die pantürkische Bewegung keineswegs der Geschichte angehört, sondern auch jetzt in unserem Lande bis in höchste Kreise sehr gut organisiert ist. Deshalb kommt es vor allem darauf an, daß die Russen erkennen, wie sehr die Armenier gegen diese Entwicklung an ihrer Seite stehen."

Mit dem "Pantürkentum" meint der Redner den islamischen Fundamentalismus. Doch eine solche Mischung aus Demagogie und Verfolgungsangst geht den gebildeteren Armeniern auf dem Moskauer Friedhof zu weit. "Ich bitte euch sehr", mahnt ein Lehrer, "verhaltet euch ruhig und diszipliniert. Wir dürfen unseren Kampf nur mit verfassungskonformen Mitteln führen."

An zwei Überzeugungen halten alle Armenier weiter fest. Erstens Sie wollen von ihrem Glauben nicht lassen, daß die Sowjetführung den demokratischen Mehrheitsbeschluß des Gebiets-Sowjets von Karabach über den Anschluß an Armenien am Ende doch respektieren wird. Sie klammern sich daran, daß glasnost die Staatsraison überwinden kann, die sich für den Kreml aus der einfachen Rechnung ergibt, daß die christliche Republik Armenien mit nur 3,34 Millionen Einwohnern rund 50 Millionen Moslems in Aserbeidschan und Mittelasien gegenübersteht. Zweitens Die Armenier sind sich einig, daß der Exodus ihrer Landsleute aus Karabach und Aserbeidschan nach dem Blutbad von Sumgait nicht mehr aufzuhalten sein wird. Und das wird sie weiter umtreiben.

Wie ist das Pogrom – dieses Wort hat jetzt sogar Moskaus Erster Stellvertretender Staatsanwalt Katussew benutzt – über die Armenier von Sumgait hereingebrochen? Eine Frau erzählt im heftigen Stakkato: Schon am zwanzigsten Februar, gleich nach dem Beschluß des Gebietskomitees von Karabach, hätten Aserbeidschaner auf den Bergen ringsum Feuer zur Warnung angezündet. Der aserbeidschanische Parteichef Kjamram Bagirow habe im Nachbargebiet Agdam eine aufputschende Rede gehalten. Und schon zu diesem Zeitpunkt seien Aserbeidschaner brandstiftend bis in das Verwaltungszentrum von Karabach gezogen.

Am 26. Februar sei es in Sumgait zu den ersten Übergriffen gekommen. Versammlungen hätten die Stimmung angefacht, auch der Stadt-Parteichef von Sumgait, Muslim Sardeh, habe dabei die Emotionen aufgeheizt. Ein halbes Dutzend Busse habe Fremde herantransportiert. Auf 500 bis 600 Mann seien die Rollkommandos und ihre Mitläufer angewachsen. Sie hätten Listen von Hausverwaltungen in die Hände bekommen, aus denen sie die Namen und Adressen armenischer Familien entnehmen konnten. Vielen dieser Familien seien Licht- und Stromleitungen abgetrennt worden.

Vom 27. auf den 28. Februar seien die Lynch-Kommandos über jeden Armenier hergefallen, dessen sie habhaft werden konnten. Durch ihre Straße, so stößt die 55jährige Armenierin hervor, seien Banden mit Transparenten gezogen: "Metzelt die Armenier nieder" und "Es lebe Dschingis-Khan". Die Frau konnte sich verstecken, weil sich die Nachbarn nicht am Pogrom beteiligten. Die aserbeidschanische Miliz hingegen hätte die Armenier erst zu schützen begonnen, als das sowjetische Militär eingerückt sei. Soldaten brachten die Frau am 29. Februar in eine Kaserne außerhalb der Stadt. Nach fünf Tagen durfte sie unter militärischer Begleitung in ihre Wohnung zurückkehren, um einige Sachen zusammenzurufen, bevor sie nach Moskau aufbrach.

Trauer und hilfloses Entsetzen haben sich in die Züge des 54jährigen Peilon Manueljan gegraben, sein braunes Gesicht ist fahl geworden. Tonlos und stockend wiederholt er, daß er doch Held der Arbeit gewesen sei, von 1968 bis 1971 sogar Gebietsabgeordneter. Dreißig Jahre habe er für seinen Erdölbetrieb in Baku gearbeitet, erst vor fünf Jahren eine Wohnung bekommen. Für ihn ist eine Welt zusammengebrochen.

Von seiner Tochter kann Peilon auch jetzt kaum sprechen. Sie hieß Lolita, sie war 26 Jahre alt, eineinhalb Jahre verheiratet, hochschwanger. Die Mörder haben ihren Körper und auch das Kind bestialisch zerfetzt. Peilons kräftiger Schwiegersohn, der sich mit aller Verzweiflung wehrte, wurde aus dem Fenster geworfen. Er überlebte den Sturz. Aber für einige armenische Kinder, die der nationalistische Mob aus mehrstöckigen Häusern warf, und für jene Babies, die ein Lynch-Trupp in einer Klinik an die Wand schmetterte, kam jede Hilfe zu spät. "Wenn die Russen nicht gekommen wären", sagt Peilon, "hätte wohl kaum ein Armenier in Sumgait überlebt."

Die Frage von Karabach

Peilon durfte seine Tochternie wiedersehen. Den Anblick der Toten wagten ihm die Ärzte nicht zuzumuten. Peilons Bruder, ein kleiner, besonnener Mann mit leiser, zurückhaltender Stimme erzählt ohne alle Ausschmückungen: "Im dritten Leichenhaus, hundert Kilometer von Sumgait entfernt, habe ich meine Nichte nach fünf Tagen gefunden. Alle drei Leichenhäuser waren voll mit Opfern des Pogroms. Aber ihre Zahl kann ich nicht abschätzen. Auf der Totenliste war Lolita an 71. Stelle aufgeführt, und sie stand nicht am Ende. Als ich dann zu den armenischen Republikvertretern hier in Moskau gegangen bin und unseren Fall vorgetragen habe, sagten sie nur: ‚Sie sind doch selbst schuld. Warum haben Sie die Frage Karabachs aufgeworfen!‘"

Warum haben sie die Frage von Karabach aufgeworfen? Sie haben sie immer wieder gestellt, seit die Bolschewiki Anfang der zwanziger Jahre den kleinen armenischen Bergflecken (von heute 160 000 Einwohnern) dem Turkvolk der Aserbeidschaner zuteilten, um die Türken zu hofieren. Kleinere Zusammenstöße zwischen den Aserbeidschanern und den Armeniern aus Karabach waren seit vielen Jahren an der Tagesordnung. Neu ist nicht die Frage, sondern die Antwort, die der Gebiets-Sowjet von Karabach im Zeichen der von Gorbatschow proklamierten Eigeninitiative gegeben hat. Das Begehren, sich von einer Republik in die andere umgliedern zu lassen, bedroht alle Sicherungen in diesem spätkolonialen, nie sanierten Altbau aus den Tagen der multinationalen Reichsbildung.

Da liegt Gorbatschows größtes Dilemma: Je weiter er sich mit seinem Umbau voranwagt, desto mehr muß er abstützen. Die Leute von Karabach haben sich genau an Gorbatschows Bauvorschriften gehalten: Größere Selbständigkeit der örtlichen Sowjets, mehr Offenheit, Revision der Willkürentscheidungen Stalins, Wiedergutmachung des geschichtlichen Unrechts. Nur um eines haben

sie sich nicht gekümmert: Um die Gesamtstatik des imperialen Altbaus.

Wenn schon die Armenier darauf keine Rücksicht nehmen – welche größere Nation tut es dann? Hier liegt das zweite große Problem: Zwar haben keineswegs alle der 109 Nationen im großen Sowjetverband nur Nachteile und alle Russen nur Vorteile. Unbestreitbar sind die großen Aufbauleistungen Moskaus in Mittelasien. Doch die imperiale Macht des alten Reiches, das zum Sowjetreich wurde, und die Raison seiner Selbsterhaltung bieten nur den rund 140 Millionen Russen unter den über 280 Millionen Sowjetbürgern Genugtuung.

Das bedeutet: Gorbatschows Forderung, daß es keine weißen Flecken und keine vergessenen Namen in der sowjetischen Geschichte mehr geben soll, kann die von den Zaren und Stalin zusammengefügten und angestückten Nationen nicht zufriedenstellen. Sie wollen die weißen Flecken in der eigenen Geschichte beseitigt sehen. Sie verstehen sich nicht als Wasserträger der Sowjetgeschichte. Sie sehen die siebzig Jahre seit der Oktoberrevolution aus völlig anderen Perspektiven. Das gilt vom Süden bis zum Norden.

Glasnost hat sogar erste Blicke auf die Kluft zwischen den nationalen und den sowjetischen Wahrheiten freigegeben. Im Lärm um Karabach ging ein bisher undenkbares Zitat völlig unter, das in einem Artikel aus Riga in der Komsomolskaja Prawda vom 3. März zu finden war. Aus einem Leserbrief führte der Autor an: "Natürlich werden die Russen jetzt nicht beschossen und bekämpft. Aber viele nichtrussische Menschen verhalten sich ihnen gegenüber nicht auf die feinste Art. Der Grund: Ihre langanhaltende Expansion. Den Russen vergingen die imperialen Gelüste nicht einmal in den siebzig Jahren nach der Oktoberrevolution."

Es ist keine Frage, daß Gorbatschows gewagter Versuch, auch das Nationalitätengebäude zu einem offeneren Haus zu machen, die Bewohner zu heftigeren und massiven Forderungen ermutigt hat. Freilich wäre es voreilig, alle Manifestationen der letzten eineinhalb Jahre vom Baltikum bis zum Kaukasus, von den Tataren bis zu den Kasachen unter der Überschrift zu summieren: "Das Imperium wackelt". Dem steht entgegen:

Erstens: Es gibt kein einheitliches, gemeinsames, abstimmbares Aufbegehren gegen Moskau.

Zweitens: Ähnliche Demonstrationen wie die heutigen haben auch im vergangenen Vierteljahrhundert begrenzte Erfolge gehabt – nur keine vergleichbare Publizität. Die Tataren zum Beispiel drangen im vergangenen Sommer nicht zum ersten Mal zum sowjetischen Staatsoberhaupt vor – sie waren bereits 1965 vom damaligen Präsidenten Anastas Mikojan empfangen worden und hatten daraufhin 1967 ihre erste Rehabilitierung erreicht.

Eine gemeinsame Front zwischen den katholischen Litauern und den islamischen Schlächtern von Sumgait kann es nicht geben. Es wird nicht zum Bruderbund kommen zwischen den von Hanse- und Kaufmannstraditionen geprägten Esten und den Kasachen, denen Gorbatschows Kampf gegen Korruption als ein Sakrileg an Stammesethik und Familienfürsorge erscheint.

Entstalinisierung kann nicht ohne vorsichtige Entkolonialisierung vorankommen. Wie eng die Neubewertung der Geschichte und eine Neubewertung der Nationalitätenpolitik miteinander verbunden sind, wird gerade am Beispiel des Kaukasus deutlich. Lenins berühmte Empfehlung in seinem jetzt wieder häufig zitierten Testament, Stalin als Generalsekretär abzulösen, wurde durch Stalins rücksichtsloses Vorgehen gegen national engagierte georgische Bolschewisten ausgelöst. Stalins Sieg und Krieg gegen die eigenen Nationen schuf jenes Erbe, das Gorbatschow heute unter so viel Mühen zu überwinden versucht.

Noch 1977 hatte Breschnjew das Sonderrecht der Armenier, Aserbeidschaner und Georgier auf die Anerkennung ihrer Sprachen als Staatssprachen aus ihren Verfassungen streichen wollen. Damals demonstrierten die Georgier so entschlossen und diszipliniert wie jüngst die Armenier – bis ihr damaliger Parteichef Eduard Schewardnadse in Moskau die Rücknahme der Diskriminierung erwirkte. Daß Gorbatschow gerade diesen Mann bald nach seinem Amtsantritt zum Außenminister machte, war ein Signal auch dafür, daß der Generalsekretär von Beginn an die Öffnung von Außenwelt und Innenwelt zu verbinden trachtete.

Mittlerweile bestreiten nicht einmal mehr die Skeptiker, daß Gorbatschow demonstrativ von der alten Vision Abschied genommen hat, wonach die innere gesellschaftliche Dynamik der Entwicklungsländer praktisch jede aufstrebende Nation zu natürlichen Verbündeten der Oktoberrevolution machen müsse. Für die Nationen im Sowjetimperium selbst gilt im Prinzip das gleiche.

Wie England und Frankreich vor ihrem Abstieg vom Sockel der Kolonialmächte, so bekommt heute auch Moskau die Verbitterung der bevormundeten und umerzogenen Nationen zu spüren – von den höher entwickelten und rücksichtslos erniedrigten baltischen Ländern ganz zu schweigen. Die Sowjetunion will den Abstieg vermeiden – sie versucht statt dessen, den Sockel zu senken.

In Karabach hat dieser Versuch zum bisher schwersten Unglücksfall geführt. Wie nach Tschernobyl folgen die Medien fürs erste dem alten Reflex, das Volk gegen schlechte Botschaften abzuschirmen. Ob die weitgehende Nachrichtensperre in diesem Fall ein größeres Blutbad verursacht oder verhindert hat, ist schwer abzuschätzen. Nur der Chefredakteur von Moskowskije Nowosti, Jegor Jakovlew, hat die Ursachen des Unglücks beim Namen genannt. "Es muß eigentlich gar nicht gesagt werden", so schrieb er, "daß die geplante Wandlung in den nationalen Beziehungen uns in keiner Weise davon befreien, aktuelle Tagesprobleme zu lösen. Es ist kriminell, sich ihnen nur dann zuzuwenden, wenn sie in unser Leben platzen."

Genau darauf aber ist die überlastete Führung nicht eingestellt. Die leichtsinnige Abschmetterung des Karabacher Volksbegehrens Anfang Februar durch eine untergeordnete ZK-Instanz und unangebrachte Äußerungen der hochrangigen Moskauer Emissäre in den armenischen und aserbeidschanischen Medien haben den Schaden wahrscheinlich vergrößert.

Die Folgen: Gorbatschows konservative Gegner, die grundsätzlich der Meinung sind, daß seine Politik dem Land schadet, weil sie die inneren Bedingungen so sehr destabilisiert, daß der Partei die Kontrolle verlorengeht, werden sich bestätigt fühlen. Sie werden nichts unversucht lassen, die eigenmächtige Entscheidung des Gebiets-Sowjets von Karabach mit Gorbatschows Plädoyer für mehr Eigeninitiative der lokalen und regionalen Sowjets in Verbindung zu bringen.

Bedrohung für die Reformen

Gorbatschows Bestreben, korrupte und unfähige lokale, regionale und nationale Funktionäre abzulösen, um mit dem Blick auf die Parteikonferenz Ende Juni die Mehrheitsverhältnisse im Zentralkomitee zu verändern, wird durch die Entfachung der nationalen Leidenschaften weiter gebremst. Die Parteichefs von Armenien und Aserbeidschan, Demirtschjan und Bagirow, standen beide unter dem Dauerbeschuß der Reformer – jetzt können sie sich hinter ihren aufgeputschten Nationen in Deckung bringen. Der Aufruhr in Kasachstan nach der Absetzung des Breschnjew-Günstlings Kunajew im Dezember 1986 hatte Gorbatschow bereits gehindert, in der Ukraine personelle Remedur zu schaffen. Der Kaderwechsel hat sich inzwischen insgesamt verlangsamt.

Die offenere Austragung der Nationalitätenkonflikte bringt nicht das Imperium ins Wanken, sondern bedroht Gorbatschows Reformen. Wer im Sowjetsystem etwas bewegen will, muß "seine" Leute einsetzen können, um sicher zu sein, daß "seine" Reformen umgesetzt werden. Und hier wird Gorbatschow durch die nationalen Barrieren zunehmend blockiert.

Nur eine Straßenbahn trennt in Moskau den armenischen vom russischen Friedhof. Dieser Wagankowskajer Friedhof ist zu einer russischen Kultstätte geworden: Der Bauernpoet Sergej Jessenin und der Protestsänger Wladimir Wissotzkij sind hier beigesetzt. Bis zum Beginn des Jahrhunderts, bevor die Straßenbahnschienen die Ruhestätte zerschnitten, gehörte der ganze Friedhof den Armeniern, der reichen Familie Wachan. Die Erde ist den Armeniern nirgends ungeteilt geblieben – das macht ihre Ängste so verständlich.