Von Richard C. Schneider

Ein gemütlicher Freitagabend im Februar 1988. Als säkularisierter Jude feiere ich nicht den Sabbat, sondern sitze vor dem Fernseher, spiele an der Fernbedienung herum und suche nach einem spannenden amerikanischen Spielfilm. Während ich genüßlich an einem Glas Wein nippe, erwische ich eine Sendung, die sich mit dem Bericht der Historikerkommission beschäftigt. Auf der Mattscheibe erscheint Kurt Waldheim, der erneut seine Drei-Affen-Parole wiederholt: "Ich hab’ nix g’hört, nix g’sehn, nix g’sagt!" Gleich darauf eine Erklärung des Herrn Dr. Mock, der sich gerade noch zusammennimmt, um nicht zu sagen, die Juden seien schuld am österreichischen Unglück.

Ich schalte um und erwische einen Auslandsbericht über den wachsenden Antisemitismus in der Sowjetunion. Eine nationalistische Gruppierung demonstriert in Moskau öffentlich gegen die Juden im allgemeinen und die Zionisten im besonderen. Ein Interview mit dem Führer dieser Bewegung zeigt, daß sich dieser Herr, wie soviele seiner Vorgänger, auf die "Protokolle der Weisen von Zion" stützt. Den Juden in der UdSSR geht es schlecht, der Reporter betont, daß diese Bewegung von ganz oben, also vom Kreml, stillschweigend akzeptiert wird. Ach, du herrliches Mütterchen Rußland! Genieße Glasnost und Perestroijka! Es gilt für jeden, aber selbstverständlich nicht für deine Juden.

Mein Weinglas hat sich bedenklich schnell geleert, ich schalte schleunigst weiter und starre in das haßverzerrte Gesicht einer palästinensischen Frau, die der Kamera entgegenbrüllt: "Tod allen Juden! Tod allen Zionisten!" Dann die in letzter Zeit üblichen Bilder: Steinewerfende, vermummte Kinder, Soldaten mit Tränengas und Schlagstöcken, die sich jeden greifen und verprügeln, den sie erwischen können. Die Suche nach dem Spielfilm habe ich aufgegeben, kleinlaut verkrieche ich mich im Bett und lasse das Licht brennen, da die Bilder vor meinem inneren Auge weiterlaufen und sich verselbständigen.

Eine meiner stärksten Erinnerungen an meine ansonsten eher langweilige Studienzeit stammt aus dem Jahre 1982, kurz vor meinem Examen. Auf einer Wand der Münchener Universität stand mit roter Sprühfarbe: "Sabrah + Schattilah = Auschwitz! – Begin = Hitler!" Schon damals beeindruckte mich das "Abstraktionsvermögen" meiner linken Kommilitonen. Geschichtsschreibung in Kürzeln, Differenzierungen unnötig.

Diese Tendenz hat sich in den letzten Tagen wieder einmal bestätigt. Die klassische Diskussion mit meinen eher linksorientierten Bekannten klingt etwa so: "Also, was ihr (Wehe, wenn wir Juden die Deutschen mit Kollektivschuld belegen!) mit den Palästinensern macht, das ist ja entsetzlich, gerade ihr, die ihr soviel gelitten habt, dürftet so etwas nicht tun!"

Habe ich zu Beginn der Unruhen im Dezember 1987 meine Ablehnung der Gewalt noch geäußert und heftig genickt, das sei alles in der Tat schrecklich und grauenvoll, so habe ich mich nun in eine, von den anderen als "faschistoid" bezeichnete Ecke, von mir aber als Staatsräson verstandenes Verhalten begeben, indem ich die Haltung der Israelis verteidige, ja gezwungen bin, sie zu verteidigen. Selten empfand ich die Diaspora so stark als "neurotische Lösung", wie in diesen Tagen; wie A. B. Yehoschuah, einer der wichtigsten Schriftsteller Israels, sie bezeichnet hat. Er schreibt: "Die Golah (das Exil) wurde als Situation angesehen, die die Doppelzüngigkeit der Nation zur Folge hatte (Abraham, der erste, der ins Exil ging, mußte, kaum daß er in Ägypten angekommen war, Lügen über seine Frau verbreiten). Lüge und Erlösung vermischen sich nur deshalb, weil die Nation auf einem schmalen Grat zwischen zwei Loyalitäten wandeln und sich sozusagen national totstellen muß, um nicht mit dem nationalen Charakter des Volkes, mit dem sie lebt, in Konflikt zu geraten."