Frankreich: Eine rein medizinische Angelegenheit

Ca ne traumatise pas tellement" – Aids, le Sida, beunruhigt die Leute hier nicht sonderlich. Immer wieder diese Antwort! Schwer zu verstehen für den Besucher aus der Bundesrepublik, wo das Thema flammende private und öffentliche Glaubenskriege entfacht.

Dédramatiser heißt hingegen das Schlagwort im Nachbarland – sachlich bleiben. Die Presse spottete über la peur Allemande (Die deutsche Angst) und die Sida-Zeitung Bild.

Ähnlich wie bei der Umzingelung durch 46, bald über 60 mäßig sichere Kernkraftwerke oder wie nach dem atomaren fallout des Reaktors von Tschernobyl, so bleibt der größte Teil der Franzosen auch le Sida gegenüber eher gelassen. Das ist um so erstaunlicher, als Frankreich mit 2523 Aids-Fällen im Dezember 1987 (mittlerweile sind über 3000 Menschen krank) und geschätzten 150-200 000 Infizierten auf der Europa-Liste ganz oben steht, an zweiter Stelle nach der Schweiz.

Doch im Lande Descartes’ bleibt das Verhältnis zur Gefahr entspannter als anderswo – jedenfalls auf den ersten Blick. Bei genauerem Hinschauen freilich kommt als Wurzel der Besonnenheit bei Aids auch das ausgeprägte Bedürfnis nach Individualität und Privatheit zum Vorschein. Aids sei "eine rein medizinische Angelegenheit", meint etwa der Pariser Aids-Arzt Willy Rozenbaum, jenseits des "gesellschaftlichen Zugriffs auf die Intimsphäre".

Vor allem aber erklärt sich die scheinbare Nüchternheit auch durch die gleichzeitig eben doch von der katholischen Moral den Einzelnen aufgezwungene Prüderie. Reden über Sex ist ganz schön tabu – da mögen einen die nackten Schönheitstänzerinnen und "Total Hard French Lovers" von den Litfaßsäulen am Pigalle noch so sehr anspringen; da mag die Prostitution an der Porte St. Denis zwischen Boutiquen und Lebensmittelläden mitten im morgendlichen Einkauf der Hausfrauen wie in der frühabendlichen rush-hour hastender Herren noch so selbstverständlich blühen.

Genauso widersprüchlich: Frankreich besitzt zwar das renommierteste virologische Forschungsinstitut, das Institut Pasteur; hier isolierte Luc Montagnier als erster das Aids-Virus, hier wird fieberhaft an der Entwicklung eines Impfstoffes gearbeitet. Im gleichen in der Aids-Forschung Europas führenden Land jedoch begannen Informationskampagnen und andere Regierungsaktivitäten umso später. "Man muß sagen, hier ist es vielleicht zu ruhig", kommentierte Montagnier gegenüber der Welt.