Unter unseren Spitzenpolitikern grassiert die Angst vor dem Beifall von der falschen Seite. Jedem von ihnen steht das tragische Schicksal Kurt Biedenkopfs vor Augen, dessen politische Karriere durch permanenten Applaus aus dem gegnerischen Lager praktisch ruiniert wurde. Darum haben sich, zum Schutz vor berufsschädigendem Beifall – und tödlichen Umarmungen! – einige besonders beifallgefährdete Politiker unterschiedlicher Couleur insgeheim verpflichtet, sich gegenseitig noch mehr als bisher auf den Zehen herumzutrampeln. Auch mit Schlägen unter die Gürtellinie wollen sie von nun an nicht mehr sparen und an jedem sich anbietendem Lob für den politischen Gegner lieber ersticken, als es über die Lippen zu bringen.

Ein aktuelles Beispiel für die fatalen Folgen falschen Beifalls ist Rita Süssmuth. Sie sieht sich von Sympathie-Bezeugungen der anderen Seite förmlich verfolgt und ist darum neuerdings emsig bemüht, die anrüchigen Freunde zu vergraulen, um so endlich einmal Beifall aus den eigenen Reihen zu empfangen.

Auch Norbert Blüm bekommt es bei seinen Abenteuerreisen in übel beleumdete Länder zu spüren, daß man sich nicht ungestraft von den gegnerischen Parteien loben lassen darf. Sogar Heiner Geißler mußte wegen seiner unbequemen Gedanken zur deutschen Einheit viel Kritik aus Unionskreisen quittieren, weil die Sozis ihn verdächtigerweise mit Komplimenten überschütteten.

Späths Wahlerfolg beweist nun jedoch, daß man mit dem Schielen nach Beifall aus der falschen Ecke mitunter durchaus richtig liegen kann. Der Ministerpräsident hatte sich wirklich jede erdenkliche Mühe gegeben, die ehrliche Zustimmung seiner Bonner Parteifreunde im Keim zu ersticken, statt dessen aber um den Applaus der Gegner, sogar der giftgrünen, geradezu gebuhlt. Und, siehe da, es hat sich gelohnt. Auf diesen Effekt scheint auch Lafontaine mit seinem Arbeitsplatz-Vorstoß zu spekulieren. Immerhin brachte ihm sein Vorschlag ein Kompliment von Strauß ein.

Doch die Risiken des Beifalls über die Parteigrenzen hinweg wiegen schwerer. Das bekam jüngst kein geringerer als der Bundespräsident zu spüren. Er erhielt, seines beherzten Auftretens in Afrika wegen, nicht nur von der SPD und FDP Applaus, ihn hat – wie verwerflich – sogar die CDU gepriesen. Das hat dem Bundespräsidenten bei der CSU zu Recht schwer geschadet...