Als Mann der schnellen Zunge und der impulsiven Formulierungen ist Martin Bangemann hinreichend bekannt. Nicht von ungefähr heißt es in Bonn, bei Reden des Bundeswirtschaftsministers gelte (anders als bei seinen Kollegen) nicht das gesprochene Wort, sondern der schriftlich vorgelegte Text.

Die jüngste Philippika Bangemanns gegen den "beflissenen Konjunkturpessimismus der Opposition und zahlreicher Interessengruppen" wurde zwar schriftlich an die Presse verteilt, abgewogen formuliert war sie deswegen noch lange nicht. So hielt der Minister dem SPD-Chef Hans-Jochen Vogel vor, er habe zu Beginn des Jahres "behauptet, die Weltwirtschaft stehe am Rande einer Rezession", und jetzt stehe Vogel selber "am Rande seiner intellektuellen Bankrotterklärung", weil die Konjunktur ja bekanntlich wie geschmiert laufe.

Wo steht dann eigentlich Bangemann? Sprach er nicht im November in einem Brief an seinen Kollegen Gerhard Stoltenberg von der "Gefahr rezessiver Entwicklungen in der Welt und bei uns", die es abzuwenden gelte? Und beschrieb er nicht "ernste Gefahren für die Weltkonjunktur und unsere eigene Wirtschaftsentwicklung"? Gewiß, das ist lange her, und von einem vielbeschäftigten Minister, der womöglich schon an seinen nächsten Job denkt, darf man kein Langzeitgedächtnis erwarten.

Aber was sagt Bangemann beispielsweise zu der Konjunkturprognose der Westdeutschen Landesbank, die von "großen Unsicherheiten" ausgeht und zu dem Schluß kommt: "Parallel zu der erwarteten Verlangsamung des Wachstums in der Weltwirtschaft wird im weiteren Jahresverlauf dann auch in der Bundesrepublik die Konjunktur noch weiter an Dynamik verlieren."

Und was sagen die Landesbanker zum Verdikt des Ministers: "Die Konjunkturpessimisten sollten sich besser etwas zurückhalten. Ihre Untergangsparolen werden das Blatt nicht mehr zum Schlechteren wenden können, so sehr sie sich bemühen."

Stolz meldete vergangene Woche der Deutsche Bauernverband: "2 112 795 Bürgerinnen und Bürger setzen sich mit ihren Unterschriften dafür ein, daß die deutschen Reinheitsgebote für Milchprodukte und Wurst bei der Harmonisierung des Lebensmittelrechts in der EG gewahrt bleiben." Bauernpräsident Constantin Freiherr Heereman und Landwirtschaftsminister Ignaz Kiechle schickten gemeinsam einen Lastwagen mit den Unterschriften auf die Reise zur Brüsseler EG-Kommission.

Nur "unverfälschte Milchprodukte und Wurstwaren", so der Bauernverband, sollen auf den deutschen Tisch kommen – als ob das bisher der Fall gewesen wäre. In der angeblich reinen deutschen Wurst wimmelt es von Chemikalien aller Art; sie darf bis zu sechzig Prozent aus Fett bestehen. Sehnen, Knochenmehl, Därme, Schwarten und andere Köstlichkeiten machen häufig den Rest aus.