Von Dietrich Strothmann

Düsseldorf

Muß das wirklich alles noch einmal sein: Sühne zu suchen nach bald fünfundvierzig Jahren? Kann es überhaupt noch möglich sein, so spät Sühne zu finden? Wieder steht Wolfgang Otto vor Gericht, diesmal in Düsseldorf. Er wird als letzter aus dem damals verantwortlichen KZ-Kader beschuldigt, Beihilfe zum Mord an Ernst Thälmann geleistet zu haben. Das war in einer Augustnacht 1944 im Krematorium des Konzentrationslagers Buchenwald.

Was für ein ungewöhnliches Zusammentreffen: Der noch immer unübersehbare, große Tote, für Kommunisten in aller Welt allemal, und der kleine, beinahe namenlose, fast gesichtslose Angeklagte von nebenan. Und was für ein Mißverhältnis: Für diesen einen Mord, einen von Millionen, ermittelten Staatsanwälte seit 1962 und stellten insgesamt siebenmal ihr Verfahren ein, mußte zweimal ein Oberlandesgericht zur Durchsetzung einer Prozeßeröffnung entscheiden, sprach einmal ein Landgericht sein Urteil, das dann vom Karlsruher Bundesgericht aufgehoben wurde, sitzen deshalb jetzt erneut Richter über ihn zu Gericht. Ein Vierteljahrhundert Justizgeschichte, geschrieben von einem Justizapparat, der aus Kriminalbeamten, Staatsanwälten, Verteidigern, Nebenklagevertretern und vier voll besetzten Richterbänken gebildet ist. Was für ein Aufwand, was für eine Anstrengung – und womöglich alles vergebens.

Thälmann gegen Otto – abgesehen von dem langen, lähmenden, auch höchst peinlichen Juristenstreit, ist dies auch eine deutsche Geschichte, das sogar vor allem.

Der eine längst eine Legende für viele. Ein Arbeiterführer aus Hamburg, der sich auch mit Lenin angelegt haben soll, seit 1933, nach dem Reichstagsbrand, des "Führers persönlicher Gefangener", dem Stalin nicht aus der Zelle half, nachdem der sich mit Hitler verbündet hatte. In den Geschichtsbüchern der Kommunisten steht Ernst Thälmann in der ersten Reihe. In den Städten des Kommunismus aller Länder erinnern Büsten und Gedenksteine, Straßen und Plätze, Schulen und Betriebe an den "Helden" Ernst Thälmann, "Teddy", wie er von seinen Genossen liebevoll genannt wurde. Hinterrücks war er des nachts, noch gegen Ende der Schreckensherrschaft, auf Hitlers Geheiß und Himmlers Befehl im Buchenwalder Krematorium vor dem brennenden Leichenofen erschossen worden. Zurück blieb die Asche, eine fast verglühte Uhr, ein paar derbe Schnürstiefel. Sie trugen, sagten Zeugen später aus, die Anfangsbuchstaben seines Namens. Zurück bleibt die Erinnerung, die Trauer, die Wut und der ohnmächtige Wunsch nach Recht und Gerechtigkeit.

Zurück bleibt auch Wolfgang Otto als der einzige, der vielleicht, vermutlich damals bei den Mördern war, der zumindest an seinem KZ-Schreibtisch den Hinrichtungsbefehl in Händen hatte. Er ist heute sechsundsiebzig Jahre alt, krank, schwächlich, unscheinbar, ein Nichts beinahe, fast eine Null, jedenfalls ein Irgendwer, wie ein Niemand. Wie eine graue Maus saß er schon vor zwei Jahren im Krefelder Prozeß auf seiner Anklagebank, grau sein Gesicht, seine Erinnerung, sein Schuldgefühl. Viele Jahre lang trug er die Uniform der SS, der "Elite des Reichs", besaß er Macht im Mordapparat.

Als Hauptfeldwebel war Otto die rechte Hand des Lagerführers über zuletzt ungefähr 80 000 Buchenwald-"Häftlinge". Er mußte auch den Sadisten Martin Sommer kennen, jenen Hauptscharführer und Arrestverwalter, der sich einen teuflischen Spaß daraus machte, gefangene Geistliche zu kreuzigen, bis sie tot waren. Otto, das gab er in Krefeld immerhin zu, hat damals auch mitgeschossen, zugesehen, wenn gehängt wurde, er drehte auch schon mal das Radio lauter für "gefälligere Musik", wenn sowjetische Kriegsgefangene, polnische Offiziere oder deutsche Frauen (die sich mit "Fremdvölkischen" eingelassen hatten) exekutiert wurden und der Lärm der Todesschüsse übertönt werden sollte. Sonst aber schrieb er nur sorgfältig auf, wer zu Tode gebracht werden sollte, wer hingerichtet worden war.

Ein Buchhalter des Todes, ein Obermelder vom Sterbedienst, ein Dutzenddeutscher jener Zeit, gehorsam ohne Gewissen, pflichttreu ohne Scham, jederzeit einsatzfähig ohne Skrupel. Und doch nur eines von vielen tausend Rädchen, das funktionierte, ohne zu stocken und so die Mordmaschine auf vollen Touren hielt. Der "Führer" befahl, und die Ottos folgten. Weigerung, Widerstand gar hätte, so die Ottos später vor ihren Richtern, nichts geändert, höchstens das eigene Leben in Gefahr gebracht. Also halfen die Ottos weiter beim Morden bis zum bitteren Ende.

Und so bitter war das Ende für viele der Ottos dann nicht gewesen, wie auch der Anfang nicht bitter für sie gewesen war. Der Sohn aus streng katholischem Elternhaus in der Nähe von Kattowitz, der Lehrer werden wollte, ging auf Anraten seines Rektors in die "sportliche" Motor-SS, um vorwärtszukommen. Die SA war Wolfgang Otto damals zu "brutal" gewesen. Später war er dann selber noch brutaler geworden.

Wohl nicht wider seinen Willen kam Wolfgang Otto 1939 zur Waffen-SS, wohl nicht wider sein Sträuben zur Wachmannschaft des KZ Buchenwald nahe Weimar, und gewiß auch nicht widerwillig stieg er, inzwischen Lehrer mit dem ersten Examen, durchaus gewandt also im Schreiben, Formulieren, Organisieren, zum Spieß der Lagerkommandatur auf. Dieser Dutzenddeutsche Otto nutzte sogar die Gunst der Stunde in der KZ-Düsternis und legte als "Schulungsleiter" junger SS-Reservisten sein zweites Lehrerexamen ab.

Danach brauchte der neue Staat Richter, Lehrer, Polizisten. Wolfgang Otto, zum Beispiel, wurde von den Amerikanern erst zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, dann zu zehn Jahren begnadigt und bereits 1952 auf freien Fuß gesetzt, von Geistlichen überaus geschätzt als geschickter Orgelspieler in der Landsberger Haftanstalt. Wenig später machte ihn das Düsseldorfer Kultusministerium, obwohl seine Gerichtsakten vorlagen, zum Beamten auf Lebenszeit, ließ ihn Religion und auch Zeitgeschichte unterrichten. Mit den Jungen und Mädchen nahm er sogar das "Dritte Reich" durch, ausgenommmen natürlich seine eigene Rolle als KZ-Oberwärter. Wolfgang Otto war wieder der akkurate Untertan, gehorsam wie immer und bar jeden schlechten Gewissens, jeder plagenden Schuld. Wieviele Ottos schlüpften wohl auf diese Weise durch die Maschen von Sühne und Strafe?

Nicht einmal die Münchner und Kölner Staatsanwälte "erwischten" ihn, als sie dann endlich gegen ihn ermittelten – dubiose Zeugen, ungenügende Beweise, unzureichende Belege, lautete ihr einhelliges Urteil von Anfang an. Nicht einmal die Düsseldorfer Kultusbehörde konnte ihm viel anhaben. Sie wollte ihn entschädigungs- und fristlos auf die Straße setzen. Doch ehe sie sich vor dem Verwaltungsgericht eine Prozeßniederlage einhandelte, schloß sie mit dem standfesten Kläger Otto einen Vergleich: 1700 Mark dafür, daß er vorzeitig und freiwillig den Dienst quittierte.

Nun ist Wolfgang Otto krank und alt und versteht die Welt schon lange nicht mehr – nicht Thälmanns Tochter Irma Gabler und ihren unermüdlichen Nebenklageanwalt Heinrich Hannover; nicht die Krefelder Richter, die ihn zu vier Jahren verurteilt hatten; nicht die Düsseldorfer Richter, die seit Anfang März zweimal die Woche alles noch einmal genau von ihm wissen wollen und die ihn (voraussichtlich im Juli) wahrscheinlich freisprechen müssen.

Ein gespenstischer Gerichtstag wird da abgehalten: Keine Zeugen, nur Protokolle, die stundenlang verlesen werden, und jede Stunde muß das Gericht, laut ärztlichem Attest, eine Pause einlegen, weil Wolfgang Otto eine kranke Leber hat, schwer atmet, schlecht hört. Große Augen hinter einer großen Brille: Otto, der Schuldlose. Kaum hörbare Stimme, zögernde, ausweichende Antworten: Otto, der Ahnunglose.

Die Phantasie reicht nicht aus, sich vorzustellen, wie er damals war, Tag für Tag, Jahr für Jahr, als er das elende Sterben fein säuberlich zu Protokoll nahm. Wie er beobachtete, wenn die Opfer aufgehängt oder von SS-Kameraden, die zur Tarnung Ärztekittel angezogen hatten, im Sanitätsraum hinterrücks durch einen Spalt in der Körpermeßlatte ins Genick geschossen wurden. Unvorstellbar, daß er nachts heimlich geweint oder auch nur schlecht geträumt hätte. Unvorstellbar selbst, daß es ihm später jemals vor seinen Schülern die Sprache verschlagen hätte, diesem akkuraten, schrecklichen Diener der Diktatur. Voller Selbstmitleid sagt der Angeklagte Wolfgang Otto heute nur: "Ich mache sowieso alles falsch."

Der Tod war einmal ein Meister in Deutschland. Es waren seine unerträglich braven biederen Gehilfen, die ihn dazu machten.