Die "Mocca-Bar" unweit des Alexanderplatzes, deren Blümchentapete in deutlichem Kontrast zum funktionalen Mobiliar steht, ist keine der einschlägigen Ostberliner Schwulenkneipen aus dem Reiseführer "Berlin von hinten". Gleichwohl: "Der Alex war schon immer auch ein Treffpunkt für einsame Männer", klärt mich Reinhard Polkwitz auf, der mich hierher geführt hat. Der schmale, blonde Schwule ist 25 Jahre alt und lebt in Ost-Berlin – der Hauptstadt auch der Homosexualität in der Deutschen Demokratischen Republik. Über Aids hörte Polkwitz zum erstenmal 1983 von einem Westberliner Freund: "Zu dieser Zeit kamen auch die ersten Berichte über die Immunschwäche im West-Fernsehen." So war man in der Ostberliner Schwulenszene vorerst nicht sonderlich beunruhigt. Völlig entgegen den üblichen Informationsgewohnheiten mißtraute man zudem dem West-Fernsehen; durch die Mauer fühlten sich DDR-Schwule vor der im kapitalistischen Ausland aufgetauchten mysteriösen Krankheit geschützt. Dies änderte sich, nachdem Anfang 1986 auch im sozialistischen Vaterland erste Aids-Fälle bekannt wurden.

Im Frühjahr vergangenen Jahres druckten die Gesundheit und die Wochenpost erste aufklärende Artikel über Aids, und eine Fernsehsendung widmete sich der neuen Bedrohung. Die war über den Bahnhof Friedrichstraße oder den Checkpoint Charly eingereist. Der mangelnden Freizügigkeit war es zwar zu danken, daß homosexuelle Männer Aids nicht direkt aus den USA importieren konnten. Statt dessen brachte die wachsende Zahl von Virusträgern aus der Bundesrepublik das Unheil mit.

"Man lernt sich in der Kneipe, auf einem Fest oder beim Baden kennen", berichtet Polkwitz über diese deutsch-deutschen Begegnungen. "Alle sind scharf drauf, einen aus dem Westen zu kennen – auch wenn es wenige feste Freundschaften gibt". Die Beziehungen sind nicht immer angenehm: "Es kommen auch ganz fiese Westler rüber", sagt Polkwitz. Die markierten mit ihrem schwarz getauschten Geld "die Chefs": "Bis vor kurzem haben die Wessies hier wie die Wilden gefickt, weil sie sich sagen: hier gibt’s kein Aids."

Safer Sex hält Polkwitz für wichtig – nur: "Es gibt zwar Gummis en gros – aber die taugen nicht viel". Ein weiteres Problem: Wasserlösliche Gleitcremes, für analen Safer Sex ein unentbehrliches Utensil, sind bislang nicht frei erhältlich. "Unsere Homosexuellen sind sehr altmodisch und ausgesprochen kleinbürgerlich", sagt die Ost-Berliner Immunologin Lilli Segal, die der Aids-Kommission beim Ministerium für Gesundheit angehört. Es gibt weder einen Männer-Strich, noch Schwulensaunas, Darkrooms, oder eine Lederszene. Wenn zwei Männer zusammen schlafen, spricht man verlegen von "rumpeln". Schwulenläden in Ost-Berlin werden vom Staat toleriert – "weil sie sich so besser kontrollieren lassen", sagt Reinhard Polkwitz. "Jeder wird irgendwann als Spitzel verdächtigt. Es herrscht großes Mißtrauen: Man ist vorsichtig mit politischen Äußerungen. Längst nicht alle bekennen sich zu ihrer Homosexualität: Aber es werden immer mehr."

Grundlage für jede humane Anti-Aids-Politik ist Toleranz gegenüber Homosexuellen. Im Jahre 1957, zwölf Jahre vor der Bundesrepublik, wurde in der DDR der Paragraph 175 abgeschafft. Seitdem ist Homosexualität zwischen Erwachsenen nicht mehr strafbar. Gleichwohl wurde den Homosexuellen, die in den Konzentrationslagern ermordet wurden, die Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus verweigert.

Seit den siebziger Jahren setzt sich in der DDR auch auf der gesellschaftlichen Ebene nicht nur ein freieres Verhältnis zum Sex zwischen Männern und Frauen, sondern auch eine Enttabuisierung der Homosexualität durch. Aids habe den Trend zur Entdiskriminierung noch verstärkt, meint Reinhard Polkwitz: "Die haben wohl kapiert, daß sie die Sache nur in den Griff bekommen, wenn die Schwulen keine Angst vor Diskriminierung zu haben brauchen. Die evangelische Kirche hat sich schon vor ein paar Jahren unserer angenommen – schon allein, um die Kirchen wieder zu füllen". 1982 gründete sich der "Arbeitskreis Homosexualität in der Evangelischen Studentengemeinde Leipzig". Es folgte der Berliner Arbeitskreis "Schwule in der Kirche". Heute gibt es staatlich geduldete Selbsthilfegruppen in vierzehn Städten. "Auf den Kirchenfesten gab es ein erstaunliches Interesse", erinnert sich Polkwitz an dieses soziale coming out, das nicht zuletzt von der westlichen Schwulenbewegung inspiriert war.

Er selbst fühlte sich in einer solchen Gruppe fehl am Platz: "Die Alten, die sich ihr Leben lang versteckt hatten, haben sich dort ausgeheult wie die Kaffeetanten." Im Mai vergangenen Jahres wurde die erste nicht-kirchliche Schwulen-Gruppe, der "Sonntagsclub", vom Berliner Magistrat offiziell anerkannt. In der Berliner Zeitung sind regelmäßig Kontaktanzeigen zu finden. Mittlerweile kann ein schwules Paar offiziell eine Wohnung beantragen.