Das Wort Atomfilz benutzten bis jetzt die grünalternativen Kritiker der Kernenergiewirtschaft. Sie bezeichneten damit die vielfältigen und oft zwielichtigen Beziehungen zwischen Wissenschaftlern, Beamten, Industriellen, Gewerkschaftern und Politikern im Atomgeschäft – ein Thema, mit dem sich ganze Lexika haben füllen lassen. Jetzt haben diese Kritiker der Atomwirtschaft ganz ungewohnte Zustimmung erhalten. Mit seinem Plan, die deutsche Kernenergiewirtschaft zu entflechten, gibt ihnen Bundesumweltminister Klaus Töpfer im nachhinein recht.

Dazu hat er allen Grund. Denn offenbar wurde in der Branche seit Jahren mit Mafia-Methoden gearbeitet. Es wurde bestochen und verschoben. Die Firma Transnuklear flog auf und wurde dichtgemacht. Ausgerechnet diesem Unternehmen war kurz zuvor von der im Wirtschaftsverband Kernbrennstoff-Kreislauf versammelten Atomgesellschaft bescheinigt worden, "international wichtige Beiträge im Kernbrennstoffkreislauf zu leisten". Jetzt ist sie Symbol krimineller Machenschaften einer ganzen Branche, die sich nach außen gern als besonders proper und penibel präsentierte. Doch das nimmt ihr heute kaum noch jemand ab.

Die Atomwirtschaft weiß selbst um ihr ramponiertes Image und steht mit dem Rücken zur Wand. Der Vertrauensverlust ist so groß, daß man auch ihren eigenen Selbstreinigungsplänen – ob richtig oder falsch – nicht mehr traut. Deshalb kommt Töpfer als Sanierer wie gerufen. Er entlastet die Atomwirtschaft von einer Aufgabe, die sie allein gar nicht lösen könnte,

weil sie so stark an Glaubwürdigkeit eingebüßt hat. Sein Plan: Die zwölf Kernkraftwerksbetreiber sollen in Zukunft nichts mehr mit der Herstellung von Brennelementen und dem Transport von radioaktivem Material zu tun haben. Daß ein Minister der Atomwirtschaft in aller Öffentlichkeit neue Organisationsstrukturen oktroyiert, täuscht aber darüber hinweg, daß Töpfer und die Industrie am gleichen Strang ziehen: beide wollen zum "geordneten Betrieb" der Kernkraftwerksindustrie zurückfinden.

Das ist natürlich allemal besser als ein ungeordneter Betrieb. Aber es bedeutet gleichzeitig auch, daß endgültig die Chance vertan wird, den Transnuklear-Skandal zum Anlaß zu nehmen, sich ernsthaft eine Strategie für den Ausstieg aus der Kernenergie zu überlegen.

Der Umweltminister hat mehrfach zu Protokoll gegeben, daß er um die letztlich nicht vollkommen beherrschbaren Risiken der Kernenergienutzung weiß. Er hat gesagt, daß Bestechung und Bestechlichkeit nicht per Verordnung abzustellen sind. Er weiß, daß solches menschliches Fehlverhalten gerade beim Umgang mit strahlenden Stoffen besonders schlimme Folgen haben kann. Er kennt die Risiken, die völlig unabhängig von solchen menschlichen Verhaltensweisen mit der Kernenergietechnik verbunden sind. Und er muß auch wissen, daß ein Ausstieg aus der Kernenergie zusammen mit verstärkten Anstrengungen zur Energieeinsparung auch umweltpolitisch durchaus vertretbar, wenn nicht sogar wünschenswert wäre.

Daß Töpfer trotz alledem zum geordneten Betrieb zurück will und nicht endlich zum geordneten Rückzug bläst, ist die politische Dimension seines Entflechtungsplanes. Trotz aller demonstrierter Nachdenklichkeit steht für ihn die Kernenergie nicht zur Diskussion. Aber die kriminellen Exzesse haben das grundsätzlich vorhandene Gefahrenpotential der Nukleartechnik nur zusätzlich erhöht. Mit einer Unternehmensentflechtung kann diese Gefahr nicht gebannt werden. Die Nutzung der Kernenergie soll nur weniger skandalträchtig werden. Weil daran auch die Atomfirmen Interesse haben, wird Töpfer sich mit seinen Plänen durchsetzen.