Von Fritz J. Raddatz

Er gilt als die literarische Entdeckung Amerikas, ein ganzer Chor jubelnder Kritikerstimmen von Village Voice bis Los Angeles Times vergleicht ihn mit John Barth, Thomas Pynchon oder Fellini, und er selber erhofft zumindest soviel Ruhm, daß sein unaussprechlicher zweiter Vorname von jedermann gekannt wird: T. Coraghessan Boyle, 39, Professor für creative writing an der University of Southern California, mit Frau und Tochter bei Los Angeles lebend (weil er aus seiner Heimatstadt New York geflohen ist; "Ich wollte nicht mehr morgens um fünf mit Kopfweh in einer Umgebung aufwachen, in der Sprache auf ‚Hey, Man‘ geschrumpft war)."

"Wassermusik", sein erster Roman nach Erzählungen in literarisch renommierten Zeitschriften wie Atlantic Monthly, North American Review, Transatlantic Review, aber auch Penthouse, Esquire und Harper’s, beginnt mit einem Paukenschlag: "Während die meisten jungen Schotten seines Alters Röcke lüpften, Furchen pflügten und die Saat aussäten, stelle Mungo Park dem Emir von Ludamar, Al-Hadsch’Ali Ibn Fatoudi, seine bloßen Hinterbacken zur Schau. Man schrieb das Jahr 1795. Georg III. beschmierte in Schloß Windsor mit seiner Spucke die Wände, in Frankreich verpatzte das Directoire so ziemlich alles. Goya war taub, Thomas De Quincey ein verdorbener präpubertärer Bursche. George Bryan ‚Beau‘ Brummel strich gerade seinen ersten gestärkten Kragen zurecht, der junge Ludwig van Beethoven, ein Vierundzwanzigjähriger mit buschigen Augenbrauen, machte in Wien mit seinem Zweiten Klavierkonzert Furore, und Ned Rise saß mit Nan Punt und Sally Sebum vor einer Flasche Wacholderfluch in der ‚Sauf & Syph-Taverne‘ auf Maiden Lane."

Wir haben es mit einer so vergnüglichen wie verblüffenden wie gelegentlich auch ärgerlichen Mischung zu tun: einem pikaresken Roman, der historische Fakten so souverän benutzt wie ignoriert. Diesen Mungo Park gab es tatsächlich, ein 1771 geborener Schotte (dessen mit "1806?" in Nachschlagewerken angegebenes Todesdatum geradezu nach einem Roman schreit), der erste Weiße, der den afrikanischen Niger-Fluß erforschte; der 1799 erschienene Reisebericht über seine erste Expedition (1805 reiste er ein zweites Mal – and this time he stayed, the hard way) wurde ein Bestseller.

Dieser Teil des Romans, voll der absurdesten Abenteuer, Kolonialattitüden und Märchen der "Wilden", ist eine Mischung aus Traven, Werner Herzog und einem bläßlich-blonden Ritter von der traurigen Gestalt, der gegen schwarz angestrichene Windmühlenflügel kämpft (und einen schwarzen Sancho Pansa namens Johnson zur Seite hat); der untergeht, auftaucht, gefoltert wird, gerettet wird, gefangen wird, befreit wird: "Während Mungo gerade an die Außenmauer pinkelt, stürzt diese plötzlich teilweise ein und rutscht in den Fluß, schlägt klatschend auf dem Wasser auf, so daß der Schaum dem Entdeckungsreisenden bis in den Bart spritzt, die Toga von neuem durchnäßt, und die Wellen ihm bis ans Knie schwappen. Und dann ist die Mauer weg – wie ein Keks in einer Tasse Café au lait. Das nasse Glied in der Hand, steht er reglos da, verschlafen und ein wenig durcheinander, läßt den Blick über die wogende, muskulöse Oberfläche des Tulumbo schleifen." Dieser Teil der Erzählung ist ein komischgrausiges Märchen, und Zuhörer seiner Lesungen bescheinigen Boyle das temperamentvolle Vergnügen eines fabulierenden Zigeuners.

Der "Gegenpart" – in unregelmäßig hineinkomponierten Passagen – ist die (erfundene) Figur des Ned Rise, Held eines Londoner Sittengemäldes, in dem das England des 18. Jahrhunderts mit pandämonischer Lust als eine finster-groteske Sauf-, Eick- und Klaugesellschaft porträtiert wird. Eine Dickens- oder Tristram-Shandy-Welt der einbeinigen Huren, einäugigen Trinker und einarmigen Verbrecher, in der Ned Rise so gut zum Unternehmer – nämlich des ersten Live-Sex-Show-Etablissements – wie zum Gehenkten wird, der überlebt und dem Totengräber ins Bein beißt. Ein Achtgroschenroman, dessen Heldin nicht Polly, sondern Fanny heißt: "Fanny Brunch war die begehrenswerteste Frau, die er gesehen hatte – er war verrückt nach ihr. Sie besaß diese weiche, reine, engelhafte Schönheit, die jede Faser seines sadomasochistischen Herzens anrührte. Mit ihr war es nicht die bloße, vergängliche Lust der Geschlechtlichkeit, sondern ein fortwährender Prozeß der erotischen Sudelei, es war die Kirchenbänke anpissen, wie sich auf dem Altar einen runterholen. Sie war für ihn geschaffen." Daß Ned Rise der zuverlässigste Kerl bei Mungo Parks zweiter Niger-Expedition wird, versteht sich am Rande.

Eine Scheherazade also, in der auch schon mal ein Krokodil Harfe spielt, weil ihm nach Verspeisen des Harfenisten das Instrument in den Zähnen klemmt, oder ein ärgerlich gewordener Kumpan fein verschnürt wie ein Kapaun den Menschenfressern geschenkt wird. Eine unendliche Schnurre.

Nur: das Geheimnis jeder Kunstleistung ist die Proportion; ob Märchen, Symphonie oder Akrobat schööön – ein jegliches hat sein eigenes Maß. Und Boyle läßt, selbstverliebt in sein Bildwerfertalent, das Garn spulen und spulen und spulen. Ein Seiltänzer auf der Entfernung Hamburg – München: da hängt das Seil durch, wird das Genick des Zuschauers steif, und man ertappt sich gleichsam bei einem müden "ist er schon in Kassel?" Noch eine Leiche mehr, noch ein Branntweinfaß leer, noch eine Nicht-Jungfer entehrt – die Addition ist zu lang. Ein Clown muß streng darauf achten, daß niemand gähnt.

Und wenn der Regisseur sich einmal vor den Vorhang schiebt und kräht "alles nur Theater", dann mag das lustig sein: "Zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte von Sitten und Gebräuchen galt es für eine Heldin als schicklich, ohnmächtig hinzusinken, wenn sie mit einer so plötzlichen und niederschmetternden Wende der Ereignisse konfrontiert wurde. Doch Fanny war aus härterem Holz geschnitzt." Doch Boyle durchbricht seine Illusionsnummern immer wieder mit derlei Zeigetäfelchen ("Und was ist denn, mit Verlaub, Geschichte anderes als Fiktion?"); damit gleicht er einem Rastelli, dem die Kugeln vor die Füße platschen.

Diese Unsicherheit im Bau verrät das (glänzend übersetzte) Buch auch an eine stilistische Unsicherheit. Wundervolle, so plastische wie kühne Bilder stehen unmittelbar neben seichten Läßlichkeiten. Dies scheint mir geradezu schmerzhaft gelungen: "Unter der krassen, schielenden Herausforderung in den Augen der Vettel sieht er in seine eigenen Augen, die Jahre des Lebens heruntergeschält, in seine Leiden der Kindheit, auf den verlumpten Waisenknaben im Kampf der Straße." Und dies scheint mir peinigend banal: "Fanny Brunch kam frisch aus der Molkerei. Ihr heißer Atem roch nach Milch, und es lag ein Wispern von warmem Stroh, Brustwarzen und dem Dunkel des Mutterleibs darin. Ihre Haut war Sahne, ihre Brüste Käselaibe, in ihrem Lächeln lag schmelzende Butter."

Das ist keine Detail-Mäkelei, sondern der Versuch, herauszufinden, warum dieser phantasiestarke, fraglos begabte Sprachjongleur mit seinem ersten Roman doch etwas Zerbrochenes präsentiert. "Mein Interesse gilt nicht Charakteren, sondern dem Design", hat er in einem Interview gesagt; ist es das? Der Roman hat keinen Kern – hochtrabend gesagt: keine Idee. Er läßt ein ganzes Ensemble von Figuren tanzen; aber er hat keine figura. Das genau unterscheidet ihn von dem Werk solcher Autoren, mit denen eine vollmundige amerikanische Literaturjournalistik "Wassermusik" vergleicht, Joyce etwa oder auch Garcia Márquez. Boyles Buch ist eine funkelnde Nummernrevue, ein flirrendes Riesenrad; aber in jeder Gondel sitzt eine dickste Frau der Welt. Michel Tournier hat in seinem autobiographischen Bericht "Der Wind Paraklet" eine zarte Erinnerung an seine erste Lektüre, "Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson", aufgeschrieben, auch nicht direkt ein realistischer Roman. Da spricht er von dem "Entdeckungs- und Befreiungsbuch, eine Einführung in das Leben". Das ist, was ich mit (fehlender) Idee meine.

In einem anderen Interview hat Boyle sich so emphatisch von den Bestsellerroman-Fabrikanten abgesetzt wie von den elitär publikumsverachtenden Autoren; die einen sind ihm Geldhaie, die, schrieben sie keinen Schund, ebensogut verlogene Grundstücksmakler sein könnten – so fern der Kunst wie Stalin. Die anderen – John Hawkes oder auch John Barth – verprellen ihr Publikum, "um-schreiben" es und bedienen nur eine kleine ästhetisch-raffinierte Gemeinde. Für seine Arbeit beansprucht Boyle die Quadratur des Kreises: "Kunst muß unterhalten und ihr Publikum einfangen. Man kann genug auf dem Kasten haben, um die Kritiker genauso zu packen wie die Leute auf der Straße." Auf dem Kasten hat T. Coraghessan Boyle genug. Vielleicht hat er mit seinem nächsten Roman "World’s End" geschafft, die eigene ironische Lebensmaxime einzulösen: "Das Wesen des Kompromisses ist zu kriegen, was man will."

  • T. Coraghessan Boyle:

"Wassermusik"

Roman; aus dem Amerikanischen von Werner Richter; Verlag Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, München 1987; 560 S., 30,– DM.