Schlechtes Gedächtnis

Das Glücksrad dreht sich schnell. Wer gestern noch an der Spitze der Nomenklatura stand, wird morgen zur Unperson erklärt. In der neuesten Ausgabe sowjetischer Schulbücher für den Geschichtsunterricht – so zitiert die polnische Wochenzeitung Polityka das russische Blatt Molodoj Komunist – erscheint der Name Leonid Breschnjew nicht mehr. Dafür erfahren die Schüler, daß es einst einen Mann namens Nikita Chruschtschow gab, der in der letzten Ausgabe von 1979 nicht auftauchte. Jurij Andropow wird zwar erwähnt, doch ohne nähere Angaben, welche Funktion er bekleidete. Orwell und sein "Wahrheitsministerium" lassen die Kollegen von der perestrojka grüßen.

Lokalmatador

Ronald Reagan hat bewiesen, daß es auch ein Westernheld zum Präsidenten bringen kann. Amithabh Bachchan soll eine Filmrolle zwar nicht ins höchste Amt Indiens hieven. Doch der beliebteste Schauspieler des Subkontinents will als Vertreter seiner Heimatstadt Allahabad wieder zurück in die Lok Shaba, ins Unterhaus. Er mußte im vergangenen Jahr sein Mandat abgeben, nachdem er in der Bofors-Affäre ins Gerede gekommen war – angeblich soll Bachchan in dunkle Transaktionen von Waffen aus Schweden verwickelt gewesen sein. "Shahenshah", "König der Könige", heißt der Streifen, der den Freund von Ministerpräsident Gandhi rehabilitieren soll. Er verkörpert darin einen aufrechten Kämpfer gegen das Böse. Die Leute stehen vor den Kinos in Allahabad Schlange; demnächst finden Nachwahlen statt – ein Drehbuch wie aus Hollywood.

Bier-Boykott

Hätte Keizo Saji doch geschwiegen! Auf einer Konferenz zu der in Japan gegenwärtig heftig diskutierten Frage, ob die Regierung ihren Sitz aus dem übervölkerten Tokio verlegen solle, erklärte der Präsident von Japans größtem Getränkekonzern Suntory unbekümmert: Wenn schon, dann bestimmt nicht nach Tohoku, ein Gebiet nördlich von Tokio. Seine Begründung: "Das kulturelle Niveau dort ist niedrig." Seither werden in den Bars von Tohoku das Bier und der Whisky von Suntory boykottiert. Alle Entschuldigungen des Unternehmens in Zeitungsannoncen fruchteten nichts. Die Einwohner Tohokus sind beleidigt, der Strom ihrer Protestbriefe reißt nicht ab. Aber eigentlich wundern sie sich nicht über die Ungezogenheit des Herrn Saji. Stammt dieser doch aus Osaka in der Region Kansai. Und nirgendwo, das weiß jeder Japaner, sind die Menschen so arrogant wie in Kansai.

Sünder als Saubermann

Der Watergate-Skandal liegt schon mehr als anderthalb Jahrzehnte zurück, aber er gebiert noch immer erstaunliche Nachrichten. Für eine von ihnen sorgte jetzt Jeb Stuart Magruder, damals Nixons stellvertretender Kommunikationsdirektor und einer der Hauptakteure in der Obstruktions- und Vertuschungsaffäre. Ihm haben die anschließenden sieben Monate im Gefängnis offenbar zum rechten Weg verholfen. Magruder wurde presbyterianischer Prediger und ein anerkannter Experte für öffentliche Moral. Jetzt hat er offenbar den Gipfel der Läuterung erreicht. Die Verwaltung von Columbus, der Hauptstadt des Bundesstaates Ohio, ernannte ihn zum Vorsitzenden einer neuen Kommission für moralische Werte und Ethik.