Washington, im März

Nach fünf Jahren fällt die Bilanz nüchtern aus: Mit seinem Star-Wars-Vorschlag hat Ronald Reagan das größte Forschungs- und Entwicklungsprogramm der Geschichte in Gang gesetzt – größer noch als das Manhattan-Projekt, die Entwicklung der amerikanischen Atombombe während des Zweiten Weltkrieges. Reagan hat die öffentliche Meinung daran erinnert, daß weder die Vereinigten Staaten noch ihre Verbündeten auch nur eine versehentlich gezündete Rakete, die ihre Städte anfliegt, abfangen können. Und er hat das Nachdenken über die Unzulänglichkeiten atomarer Abschreckung angestoßen, vor allem für den Fall, daß sie einmal versagen sollte.

Aber Reagans Traum eines gigantischen Abwehrschirms im All, der Amerika und seine Freunde vor feindlichen Raketenschlägen bewahren könnte, ist inzwischen zum Gegenstand des Spottes geworden. Auch die Möglichkeiten eines nur begrenzten Abwehrgürtels im Weltall liegen allenfalls in weiter Ferne. Unter Hinweis auf die rasant steigenden Kosten und die erheblichen Schwierigkeiten im bisherigen Programmverlauf haben sich führende Wissenschaftler gegen SDI – die strategische Verteidigungs-Initiative Reagans – ausgesprochen. Und obwohl ein "robustes" Forschungsprogramm über die Möglichkeiten strategischer Raketenabwehr auch weiterhin mit breiter Zustimmung in den Vereinigten Staaten rechnen kann, sind nur noch einige wenige Unverbesserliche überzeugt, SDI könne in absehbarer Zukunft einen ernsthaften Beitrag zur nationalen Sicherheit Amerikas leisten. Wie John Pike, der Weltraum-Fachmann der Vereinigung amerikanischer Wissenschaftler, zusammenfaßt: "SDI hat eben nicht gehalten, was Reagan einst versprach."

Ähnlich äußern sich andere führende Experten. Harold Brown, Verteidigungsminister in der Regierung Carter und immer noch hochangesehen, sagt: "Ich komme zu dem Schluß, daß ein umfassender, mehr oder minder perfekter Schutz der Bevölkerung vor Raketenangriffen auf Jahrzehnte und wahrscheinlich für alle Zukunft unerreichbar ist." Ein Bericht des unabhängigen Büros für technische Bewertung (OTA) der amerikanischen Bundesregierung, das 1986 zur Überprüfung des SDI-Programmes aufgefordert wurde, kommt zu dem Ergebnis, daß das geplante Abwehrsystem gegen sowjetische Überraschungsangriffe im höchsten Maße verwundbar wäre.

Sogar der gerade von Präsident Reagan vorgelegte Haushaltsplan für 1989 spiegelt diesen Trend wider. Die Ziele und die Intensität des Programmes sind bescheidener geworden. Ursprünglich wollte Reagan in den ersten fünf Jahren für SDI bis zu 26 Milliarden Dollar ausgeben. Aber selbst, wenn der Kongreß die 4,5 Milliarden für das nächste Haushaltsjahr bewilligen sollte – die Abgeordneten werden wohl eher noch eine Milliarde davon abstreichen –, liegt die Gesamtsumme für die fünf Jahre nur bei 14 Milliarden, sehr viel weniger, als Reagan einst anstrebte.

Zudem ist jegliche realistische Erprobung eines Raketenabwehrsystems im Weltall zumindest in der noch verbleibenden Amtszeit Ronald Reagans ausgeschlossen – wegen Einspruchs des Kongresses. Zwar war schon seit einiger Zeit klar, daß bei den geringen Fortschritten in der SDI-Technik eine derartige Erprobung zunächst nur wenig Sinn haben würde. Aber der Kongreß hat ausdrücklich verboten, daß irgendwelche Gelder für solche Tests im All ausgegeben werden. Dahinter steht die Sorge, die Testbeschränkungen des ABM-Vertrages (der regelt, wie weit die beiden Weltmächte in der Raketenabwehr gehen dürfen) würden sonst in Mitleidenschaft gezogen. Und kürzlich hat Verteidigungsminister Frank Carlucci alle Zweifel an den Absichten der Regierung zerstreut, als er dem Senat rundheraus erklärte, es seien keine solchen Tests geplant in der noch verbleibenden Amtszeit Reagans. Carlucci fügte hinzu, daß zwei für 1990 oder 1991 vorgesehene Experimente "wahrscheinlich nicht die Frage der Einhaltung des ABM-Vertrages berühren" würden.