Die Genforschung ist zu riskant geworden

Von Jörg Albrecht

Biowissenschaftler sind den Anblick von Mäusen gewohnt. In den meisten Laborsdieser Welt spielen die Nagetiere die Rolle von Versuchskaninchen; da gibt es nackte Mäuse, Mäuse ohne Schwänze und Mäuse mit allerlei exotischen Krankheiten. Auch die Experten der amerikanischen Gesundheitsbehörden NIH (National Institutes of Health) experimentieren mit Mäusen. Am Institut für Allergie- und Infektionskrankheiten in Bethesda, Maryland, lassen jährlich Tausende von Mäusen ihr Leben im Dienste der Wissenschaft. Gelegentlich entwischt auch mal eine, und kein Forscher wundert sich, wenn er einem der Tiere des Nachts unverhofft auf dem Gang begegnet. Den Mäusen des Virusforschers Malcolm Martin allerdings möchte niemand zu nahe kommen: Unter seiner Regie wurde im November vergangenen Jahres das Erbgut des menschlichen Aids-Virus in 108 befruchtete Mäuseeier eingeschleust. Die Eier entwickelten sich im Bauch von Mäuse-Leihmüttern zu jungen Tieren, von denen tatsächlich vier das vollständige Aids-Erbgut enthielten, und zwar in jeder einzelnen Körperzelle. Krank wurden die Jungmäuse bislang nicht. „Sie sehen eigentlich ganz normal aus“, meint Malcolm Martin.

Seinen Kollegen war jedoch nicht ganz wohl bei dem Gedanken an die neugeschaffenen Aids-Mäuse. Bevor Martin sein Experiment beginnen durfte, mußte er die Genehmigung eines Komitees für biologische Sicherheit einholen. Freiwillig hatte er bereits eine Reihe vorbeugender Maßnahmen angeordnet: Die Mäuse leben unter Sicherheitsstufe vier, der höchsten Vorsichtsmaßnahme beim Umgang mit gefährlichen Organismen. Das bedeutet: Sie leben in einem geschlossenen Gebäude mit Unterdruck, ausgestattet mit Luftfiltern, Duschen für das Personal und Druckgefäßen, in denen jeder Abfall vor dem Verlassen des Labors sterilisiert wird. Nur etwa ein halbes Dutzend solcher Labors existiert in der westlichen Welt. Ursprünglich wurden sie für den Umgang mit Bakterien oder Viren konstruiert, die dem Menschen gefährlich werden können.

Mäuse sind bekannt für ihre sprichwörtliche Gewitztheit, und so sperrte Malcolm Martin die Nager zusätzlich in einen Glaskasten ein. Dieser ist von außen nur durch eingebaute dicke Gummihandschuhe zugänglich und ringsherum von Tanks umgeben, die eine Chloroformlösung enthalten. Und weil das alles noch nicht sicher genug erschien, wurden – sicher ist sicher – rundherum ein paar konventionelle Mausefallen aufgestellt.

Einige Wissenschaftler finden diese letzte Vorsichtsmaßnahme gar nicht komisch. „Also wirklich: soll das mit den Fallen ein Scherz sein?“ fragt der Molekularbiologe Liebe Cavalieri vom New Yorker Sloan-Kettering-Institut. Cavalieri, der selbst seit mehr als dreißig Jahren auf dem Gebiet der Krebsforschung arbeitet, ist einer der wenigen aktiven Wissenschaftler, die sich öffentlich gegen bestimmte gentechnische Versuche wenden: „Worüber ich mir Sorgen mache: Es gibt überhaupt keine verbindlichen Regeln für diese Art von Forschung. Nun gut, Martin mußte seinen Versuch von einem Komitee genehmigen lassen und soviel ich weiß, fühlten sich einige von den Mitgliedern dieses Gremiums unbehaglich. Dann haben sie es schließlich doch genehmigt. Ich meine, es sollte ein Gesetz geben, das solche Versuche verbietet. Selbst wenn sie in Bethesda vorsichtig sind – wer weiß denn schon, was die Leute in Kansas machen? Oder in Spanien? Diese Technik breitet sich doch über jede Grenze hinaus aus!“

In der Tat: nirgends scheint es im Augenblick Grenzen für die Gentechnik zu geben. Das war vor wenigen Jahren noch anders. Ausgerechnet die Forscher selbst sorgten 1973 für allerhand Aufregung, als sie auf mögliche Risiken ihres Tuns hinwiesen. Die öffentliche Auseinandersetzung über die Gefahren der Gentechnik begann in New Hampshire, wo sich die Elite der Molekularbiologen alljährlich zur sogenannten „Gordon-Konferenz“ trifft. Am Fuß der White Mountains diskutieren dort rund einhundert Wissenschaftler in angenehmer Atmosphäre und unter striktem Ausschluß von Politikern und Pressevertretern den neuesten Stand ihrer Forschung.