Von Peter Haber

An dem Tag, wo ich meine boîtes nicht mehr aufmachen kann, wird mein Leben beendet sein.“ Der 74jährige Pierre Buron zündet sich eine neue Zigarette an und schlägt den Kragen hoch. Der alte Mann trägt einen Lodenmantel und wattierte Stiefel. Seine langen, immer noch blonden Haare ragen unter einer Schirmmütze hervor. Um den Hals trägt er seinen Geldbeutel und ein Feuerzeug.

Kaum einer der zahlreichen Passanten am Quai des Grands Augustins bleibt stehen. Das kalte Winterwetter lädt nicht gerade dazu ein, in den Auslagen der Pariser Bouquinisten entlang der Seine nach alten Büchern zu stöbern. Pierre Buron ist denn auch einer der wenigen, die um diese Jahreszeit ihre boîtes – wie die an den Quai-Mauern befestigten Holzkästen heißen – geöffnet halten. Auf der Straße vor Burons Standplatz fließt der Verkehr Richtung Place de la Concorde. Buron, in der Stadt wohl einer der ältesten Vertreter seiner Zunft, sitzt ruhig auf seinem Klappstuhl. Man schätzt, daß es 200 Händler sind, die auf diese Weise an den Ufern der Seine mit Büchern handeln; sie gehören zu Paris wie der Eiffelturm.

Buron ist ein alter Hase im Geschäft. Mit 15 arbeitete er als Hilfskraft bei einem renommierten Pariser Bouqinisten, mit 16 hatte er seine erste holte, eine zweieinhalb Meter breite Holzkiste, in der er in seiner Freizeit Bücher feilbot. Aus deutscher Kriegsgefangenschaft in Polen zurückgekehrt, wurde er 1945 zum „Profi“. Seitdem gehört sein Leben dem Quai, den Büchern und seinen mittlerweile vier Kisten. „Vieles hat sich seither verändert“, sagt er. Die Bistros, in denen sich die Bouquinisten trafen, gebe es nicht mehr, die Zahl der kaufkräftigen Bücherliebhaber sei kleiner geworden.

Geblieben sind die Bouquinisten, von denen man sagt, daß ihre Tradition bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Es war am Pont Neuf, wo die ersten von ihnen damals ihr Glück versuchten. Sie wurden colporteurs genannt, die auch Leuten mit kleinem Geldbeutel das Lesen ermöglichten.

Gleichwohl versuchte die Obrigkeit im Laufe der Zeit immer wieder, diese freien Buchhändler zu vertreiben. Der erste Erlaß gegen die Bouquinisten datiert aus dem Jahre 1577. Den Mächtigen waren die Trödler ein Dorn im Auge, weil sie auch verbotene Schriften verkauften oder Werke, die ohne Erlaubnis der Behörden entstanden waren. Erst unter Napoleon erlangten sie schließlich die volle Anerkennung ihres Berufsstandes und erhielten im Jahre 1891 die Erlaubnis, ihre Kästen an der Quai-Mauer entlang der Seine zu befestigen.

Offenbar übt der Beruf eines Bouquinisten nach wie vor eine große Faszination aus. „Ich habe drei Jahre auf meine Lizenz warten müssen“, sagt Daniel Nosek. Er ist Mitte 30, seit sieben Jahren Boucuinist und mit seinem Stand an der rive droite, am rechten Seineufer, zu finden. Eher gelangweilt lehnt er an der Quai-Mauer. Er erweckt nicht unbedingt den Eindruck, etwas verkaufen zu wollen – es ist ein ruhiger Tag. Wie die meisten Händler hat er sich spezialisiert. Kunstbücher und Bilder dominieren die Auslage seiner schwarzgestrichenen Kästen. Prunkstück in seinem Angebot ist eine Lithographie von Max Ernst.