ARD, Dienstag, 22. März, 20.15 Uhr: "Dingsda"

Das Quiz-Genre ist der Dracula des Fernsehens: Er darf nicht sterben, da niemand den Mut findet, ihm einen hölzernen Stift ins verfluchte Herz zu treiben. So irrt der Untote nächtens umher auf der Suche nach neuem Lebenssaft, und jetzt sind, Achtung, die Kinder dran.

Muß man es so düster sehen? Aber nein. Es gibt viel zu lachen. Der Schauplatz von "Dingsda" ist ein in Plastik gegossener Korridor mit Kinderzeichnungen an den Wänden. Hinter seitlich postierten Tischen harren in einer Reihe die Rate-Kandidaten, gegenüber waltet der Moderator Fritz Egner. Die Fluchtlinien des Korridors schneiden sich in einem mächtigen Bildschirm, dem magischen Auge dieser Show: Es präsentiert kleine Filme mit Kindern, die zu ratende Begriffe umschreiben, ohne sie zu benutzen, zum Beispiel "Schwiegermutter": "Die Mutter hat wieder eine Mutter, der Vater hat auch eine Mutter..." und so weiter. Die Rate-Gäste horchen auf den Kindermund und versuchen, sich einen Reim drauf zu machen. Wenn’s hinhaut, gibt’s Punkte, der Preis wird gespendet.

"Dingsda" ist eine jener Sendungen, in denen sich das Fernsehen als ein technisches und soziales Instrument in sich selbst spiegelt; Im Mittelpunkt steht ein Bildschirm, der wiederum spricht vom handwerklichen Können der Macher: Es dürfte gar nicht so einfach sein, sechsjährigen Kindern eine solche heitere Prägnanz abzuluchsen. Die Rate-Gäste stammen auch aus der Fernseh-Welt, diesmal waren Hanns J. Friedrichs und Dagmar Berghoff dabei. Und Fritz Egner, der Meister der Schau, verströmt jene unerschütterliche Aufgeräumtheit, die es überhaupt nur im Fernsehen gibt.

Die Stars der Sendung sind die Kinder. Sie sind nur elektronisch "dabei" – das wäre sonst auch ein zu großes Gewimmel im Studio, denn es kommen recht viele vor. Die Kinder machen auf dem Schirm, was sie immer machen: Sie versuchen, die Welt zu erklären, und zwar im Spiel. Der Charme, mit dem sie da herumgrübeln, assoziieren und dozieren, ist der ganz normale Zauber, den jedes sechsjährige Kind ausübt, das überlegt und nach Worten und Gesten sucht. Fast alle Erwachsenen haben die Möglichkeit, diesen Reiz auszukosten: als Eltern, Lehrer, Nachbarn, etcetera. Jetzt auf der Scheibe ist diese harmlose Freude plötzlich eine Sensation. Wie kommt das?

Die Mattscheibe hat die falsche Form. Sie müßte wie die Kurven eines Schlüssellochs gefaßt sein. Elende Voyeure sind wir doch, wenn wir sie betrachten, vor allem in Unterhaltungs- und Quiz-Sendungen. Das angestrengte Kind, das eine Sache darstellen will, ohne sie beim Namen zu nennen, produziert, mimisch, gestisch und mit seiner Quäkstimme, einen Ausdruck von drolliger Intimität: Seine Unbefangenheit, aber auch seine fallweise Verlegenheit gehen uns nahe, weil sie keine Vorbehalte kennen, weil sie großzügig und naiv sind. Die Kinder können nicht überschauen, was mit ihnen geschieht, auch wenn man es ihnen zu erklären versucht, sie machen’s freiweg und nehmen gewiß keinen Schaden. Aber daß sich Erwachsene daran ergötzen, wie so ein Knirps die Schwiegermutter erklärt, an einer Szene, die völlig alltäglich ist, nur weil sie ihnen elektronisch anonym und öffentlich geliefert wird, das verweist auf einen Schaden bei ihnen, den Erwachsenen: auf ein Übermaß an voyeuristischem Appetit. Nichts gegen Voyeure, die noch ein Risiko eingehen, wenn sie sich in den Dünen verstecken. Aber TV-Voyeure sind auch noch feige.

Zum Schluß eine erfreuliche Mitteilung. Sie bezieht sich auf Hanns J. Friedrichs, der einem ja schon die Nachrichten ertragen hilft. Die Rate-Gäste waren gebeten worden, Baby- und Kinderphotos ihrer selbst zur Verfügung zu stellen; da sahen wir dann die dreijährige Dagmar Berghoff und den halbjährigen Georg Thomalla. Friedrichs hatte kein Bild beigebracht, und er kommentierte diesen Umstand so: Er könne versichern, daß er ein Kind gewesen sei. Wie groß die Erleichterung ist, wenn da mal jemand im Fernsehen ein Minimum an Takt sich selbst gegenüber wahrt, zeigt, wie wenig man erwartet.

Barbara Sichtermann