Von Hans Otto Eglau

Lutz Radtke macht sich nichts vor: „Das Thema ist beendet, wir werden in dieses Angebot bestimmt nicht eintreten.“ Mit seiner Einschätzung dürfte der Marketing- und Vertriebsvorstand der deutschen Pirelli-Tochter ziemlich genau die Einschätzung seiner Vorgesetzten in der Mailänder Zentrale des italienischen Reifen-Multis treffen.

Zerronnen sind die Hoffnungen des weltweit siebtgrößten Pneu-Produzenten, einen noch größeren zu schlucken. Nicht Leopoldo Pirelli wird demnächst die Regentschaft über den US-Konkurrenten Firestone Tire & Rubber übernehmen, sondern Japans führender Hersteller Bridgestone. Die fernöstlichen Akquisiteure, international schon jetzt die Nummer drei, werden damit eng zu den beiden weltweit führenden Reifenriesen, dem amerikanischen Goodyear-Konzern und seinem französischen Erzrivalen Michelin, aufschließen.

Rund 2,6 Milliarden Dollar in bar wollen die Japaner für die Dreiviertel-Majorität am internationalen Firestone-Reifengeschäft auf den Tisch legen. Die Italiener, die den Weltranglisten-Sechsten nur ganz übernehmen wollten und für die 33,3 Millionen Aktien Anfang März ein öffentliches Übernahmeangebot abgegeben hatten, müßten für den ertragsschwachen Autoausrüster jetzt für das Unternehmen unerreichbare 4,4 Milliarden Mark berappen – so hoch haben die Bridgestone-Strategen durch ihr auf achtzig Dollar pro Aktie verbessertes Kaufangebot inzwischen die Latte gelegt. Bitter für die Pirelli-Manager, bei diesem Eintrittspreis aus dem Übernahmepoker aussteigen zu müssen, hatten sie doch bis in die allerjüngste Zeit mit der Firestone-Spitze intensiv über ein Zusammengehen verhandelt.

Anstelle der Italiener kauft sich nunmehr ein Unternehmen in den exklusiven Club der Weltmarktführer ein, das seinen Aufstieg im Windschatten der japanischen Automobilindustrie schaffte. Von seiner starken Heimatbasis aus – Bridgestone hält in der inländischen Erstausrüstung einen Marktanteil von rund fünfzig Prozent – folgte der Newcomer mit dem englischen Namen („Steine unter der Brücke“ lautet in der Übersetzung der Name des Firmengründers Ishibashi) Anfang der achtziger Jahre Japans Autokonzernen auf den amerikanischen Markt. Im Unterschied zu Toyota, Nissan, Mitsubishi-Motors und Honda konnte deren Hoflieferant mit einem 1983 von Firestone übernommenen Werk jedoch in Amerika bislang nur bescheidene Erfolge verbuchen.

Mit seinem Milliarden-Einkauf gelingt dem fernöstlichen Aufsteiger nunmehr auch auf dem größten Binnenmarkt der Welt ein gewaltiger Sprung nach vorn. Zwar können die Firestone-Manager heute nur noch wehmütig an die frühen siebziger Jahre zurückdenken, als sie Kopf an Kopf mit Goodyear um die Führung kämpften. Unterbliebene Modernisierungsinvestitionen und eine spektakuläre Rückrufaktion, von der sich der Konzern nie ganz erholte, haben den Herausforderer inzwischen weit zurückgeworfen. Dennoch hält Firestone im Erstausrüstungsgeschäft bis heute in den Vereinigten Staaten einen Marktanteil von rund zwanzig Prozent.

Bridgestones Vormarsch bringt aber nicht nur in Amerika zusätzlich Bewegung in den harten Reifenwettbewerb. Über Firestones europäische Werke werden die Japaner künftig auch in der EG ihre noch schwache Position erheblich stärken. Vor allem in Spanien, wo die Amerikaner mit einer Produktion an drei Stellen rund ein Viertel des wachsenden Marktes halten, in Portugal, aber auch in Italien, wo ihre Quote bei etwa zehn Prozent liegt, sieht sich besonders Pirelli jetzt einem ungleich dynamischeren Wettbewerber gegenüber – zweifellos ein zusätzliches Motiv für den nunmehr gescheiterten Versuch der Mailänder, sich selbst die Herrschaft über Firestone zu sichern.