Von Martin Ahrends

Von Rumänien wissen wir im allgemeinen herzlich wenig. Was unsere Medien dann und wann für mitteilenswert erachten, das sind Ereignisse wie die Ausreiseverbote und Schikanen gegen Deutschstämmige oder öffentliche Proteste der Bevölkerung gegen den wirtschaftlichen Notstand. Im übrigen liegt Rumänien eher im Schatten unseres Blickfeldes – ein Ostblockland, eines der unterentwickelten zudem, mit einem autokratischen Rumpelstilzchen an der Spitze. So oder ähnlich ist es in anderen Ostblockländern auch, und schon die permanente Beschäftigung mit den gleichbleibenden Nöten der deutschen Nachbarn hat auf die Dauer etwas Ermüdendes.

Doch die wenigen rumänischen Schriftsteller, die auch ins Deutsche übersetzt werden, natürlich auch die rumäniendeutschen Autoren, vermitteln ein konkreteres Bild. Und siehe da: Die stupiden Ähnlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens in Polen, der ČSSR oder auch Rumänien sind nur die Oberfläche, was darunter wirkt, hat viel mehr mit nationaler Geschichte, ethnischer Mentalität zu tun als mit dem staatssozialistischen System. Und von diesen verborgenen kulturellen Strömungen her wird auch die Neuentdeckung Rumäniens zum Abenteuer; aus einem fernen grauen Land hinter dem „Eisernen Vorhang“ wird vermittels seiner Literatur ein europäischer Nachbar, mit dem wir die Wurzeln ebenso gemein haben wie die Hoffnung auf eine gemeinsame europäische Zukunft.

„Rumänien war ein europäisches Land, und es sollte wieder ein europäisches Land werden“, sagt Norman Manea, ein in seiner rumänischen Heimat vielgelesener Autor. Sein erstes Buch in deutscher Übersetzung, der Erzählungsband „Roboter-Biographie“, läßt indirekt erkennen, weshalb Manea die rumänische Gegenwart von der eigentlichen Geschichte Europas ausnimmt.

Norman Manea wurde 1936 in der Bukowina geboren. Im Oktober 1941 wurde er als Angehöriger der „jüdischen Rasse“ mit seiner Familie in ein Vernichtungslager deportiert, aus dem er im Frühjahr 1945 befreit wurde. Die Erfahrung des Lebens als Überleben, die er als Kind im Lager machen mußte, hat Norman Manea entscheidend geprägt. Auffällig in seinen Erzählungen ist die geschärfte Wahrnehmung für Anzeichen, die das Leben auch außerhalb des Lagers und in Friedenszeiten als bloßes Überleben erweisen.

Vom sozialistischen Alltag in Rumänien jenen Sinn, jenes erfüllte Leben zu fordern, dessen Erwartung ihn im Lager überleben ließen – dazu hat dieser Mann wohl ein besonderes Recht. Um so bitterer die Enttäuschung, die aus seinen Geschichten spricht, auch in der „Freiheit“, im eigentlichen Leben, sich immer wieder auf ein – freilich komfortableres – Überleben zurückgeworfen zu finden.

Manea hat bis 1973, als er das Schreiben zu seinem Hauptberuf machte, als Wasserbauingenieur gearbeitet. Er kennt den rumänischen Arbeitsalltag, und er schildert ihn als angehaltene Zeit, als Zeit, die aus der Geschichte gefallen ist, als verlorene Zeit für seine erzählerischen Figuren. „Es alterte in der Tat nicht nur der Geist oder der Körper des einzelnen“, heißt es in der „Roboterbiographie“, „sondern es geschah auch, daß eine schreckliche Vergreisung die Gesamtheit erfaßte. Ein Zustand, losgelöst vom Alter, diese Selbstaufgabe, diese stille Verkümmerung ... Teufelswerk, Verkörperung des Bösen, mit unsichtbaren Mündern und Armen, die sich über unseren einfältigen Tagen öffnen und die Hoffnung rauben, den Mut“. Ähnlich wie Michail Bulgakow in seinem Roman „Der Meister und Margarita“ findet Manea religiös-phantastische Metaphern zur Beschreibung jenes „schleichenden Giftes“ das den Alltag unmerklich durchtränkt und ihn abtötet, ohne daß es in seinen konkreten Erscheinungen genau und vollständig beschrieben werden könnte.