War Shakespeare gut im Bett? – Wo Generationen von Forschern passen, bleibt Erica Jong am Ball. Anders als Ian Kott, der in Shakespeare unseren Zeitgenossen sucht, zieht sie aus ins Reich der Träume und findet, ohne wissenschaftlichen Anspruch zwar, aber beseelt von einer Liebe, die Raum und Zeit überwindet, in Shakespeare den rechten Bettgenossen. „Serenissima“ heißt Erica Jongs jüngster Roman und Jessica Pruitt, der Star aus Hollywoods Traumfabrik spielt die Hauptrolle. Mit Koffern voll von Kleidern und Büchern fliegt Jessica nach Venedig, wo sie als Mitglied der Jury an den Filmfestspielen teilnehmen und anschließend mit dem berühmten schwedischen Regisseur Björn Persson (in dem wir mühelos Herrn Bergman erkennen) eine filmische Phantasie zum „Kaufmann von Venedig“ drehen wird. Und während sie sich seitenlang am Glitzerglanz von Jetset – Liv und Catherine und Elizabeth sind auch dabei – und Champagner berauscht, ungeniert Schleichwerbung für Kleider und Unterwäsche treibt, wird deutlich, daß Alpträume von Familien-, Liebes- und Scheidungsdramen und die wachsende Existenzangst einer alternden Schauspielerin sie einzuholen drohen. Nur Shakespeare, der geliebte Dichter, die „Ersatzmutter“ seit Kinderzeiten gibt da Halt und verspricht Hoffnung auf ein ganz anderes Leben und Lieben.

Was Wunder, daß Jessica in Venedig ein Fieber überfällt, die Stadt in Maskenzügen sich verwandelt und zwischen Commedia dell’Arte, Karneval und trauerden Gondeln eine alte Arlecchina auftaucht. Die Hexe weiß das Wort und gibt den Ring, mit dem sich alles wendet. „War Shakespeare jemals in Venedig?“ Jessica, die schon im Lagunenlabyrinth des 20. Jahrhunderts „zwei elisabethanischen Dandys“ auf der Spur war, trifft nun Will und seinen Mäzen Harry (den Earl of Southampton) auf Bildungsreise in der Serenissima. Man schreibt das Jahr 1592. Die „dunkle Zeit“ der Shakespeareforscher in neuem Licht: Hollywoods Jessica wird Shylocks schöne Tochter, die William sieht – und liebt.

Und nun darf der Leser miterleben, wie der werdende Dichter Stoff für seine Dramen sammelt, darf zuschaun, wie er durchs alte Getto und über den Rialto schlendert, mit Shylock schachert und in Versen spricht, die auch wir vertraut erkennen. Was noch so alles passiert, wenn Erica Jong den Film der Geschichte rückwärts und die eigene Phantasie frei laufen läßt, mag manchen literarischen Voyeur begeistern: der geile Lord Southampton treibt sein. Unwesen, schleppt unseren Dichter zu den Kurtisanen, in verworfene Nonnenkloster und braucht ihn auch zu eignen Liebesdiensten („Nun ist Harry soweit, dem Dichter weißlich ins Gesicht zu spritzen“). Er zögert nicht, aus Jessicas und Wills Zweierbeziehung („Jessica“, sagt der Dichter, „ich muß dich haben“) eine Dreierbeziehung zu machen („Paß auf, wie ich mir deine dunkle Dame stehle“) und zieht schließlich seinen Barden weg vom Bett der pestkranken Geliebten, nicht ohne vorher noch „seine Mädchenlippen auf meine fiebrige Scham zu pressen.“

„Die Muse ist schließlich keine Jungfrau“, läßt Jong uns wissen. Und wer sie auf ihrer Reise in die heiterste Republik zu dem „sinnlichsten aller Dichter“ begleiten will, wird eine Einsicht der Jessica Pruitt bestätigen: „Das Problem ist: Wir wollen zuviel.“ Elisabeth Wehrmann

  • Erica Jong:

„Serenissima – Eine Liebe in Venedig“ Roman; aus dem Amerikanischen von Benjamin Schwarz; Verlag Marion von Schroeder, Düsseldorf 1988; 296 S., 34,– DM