Lüftet sich eines der in Bonn bestgehüteten Geheimnisse? Die Nachfolge des nach Brüssel an die Nato-Spitze abwandernden deutschen Verteidigungsministers Manfred Wörner, nach Aussagen der engsten Umgebung des Kanzlers nur Helmut Kohl selbst bekannt, läuft aufeinen Minister zu, von dem es gegenwärtig heißt, er räume seinen Schreibtisch auf: Heinz Riesenhuber. Das ist, zumal bei einem so ordentlichen Mann wie dem Forschungsminister, nicht nur ein Indiz für einen längeren Osterurlaub, sondern ein handfester Hinweis auf sonstige Veränderung. Da der Forschungsminister bisher keinerlei Anzeichen von Amtsmüdigkeit gezeigt hat, er andererseits auch alles andere als im Verdacht steht, wegen mangelnder Effektivität entlassen zu werden, könnte das Aufräumen ein Zeichen sein. Im Umfeld des Forschungsministers, das Riesenhuber sich allerdings auf Distanz hält, spricht man zwar nur von Gerüchten, die immer wieder mal hochkämen, andererseits gibt es noch andere Indizien. So verläßt einer der engsten Mitarbeiter Riesenhubers, Ludwig Baumgarten, Leiter des Ministerbüros, seinen Herrn. Baumgarten übernimmt die Abteilung 1 des Forschungsministeriums, wo er dann für Verwaltung und Grundsatzfragen der Forschungs- und Technologiepolitik zuständig ist.

Presse- und Kabinettsreferent Werner Gries wird sich, auch allmählich aus seinem Geschäft zurückziehen. Er übernimmt zusätzlich eine Unterabteilung Lebenswissenschaften, denen er sich voll widmen will. Riesenhuber selbst hat ausführliche Gespräche mit der Hardthöhen-Spitze geführt, außerdem wird zuverlässig über ein ausführliches Gespräch mit Bundeskanzler Kohl berichtet, der sich bisher nur Absagen geholt hatte. Sein Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble hat abgewinkt, ebenso der CSU-Landesgruppenchef Theo Waigel. Der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Kurt Würzbach, hat sich längst selbst für die Nachfolge disqualifiziert, und über den gelegentlich genannten Hamburger CDU-Politiker Hartmut Perschau heißt es, das Offizierspatent allein bedeute noch keine Befähigung für ein Ministeramt. Sollte Riesenhuber tatsächlich das Verteidigungsressort übernehmen, geht er einen schweren Gang, nicht zuletzt wegen der ungeklärten Finanzlage der Hardthöhe, der die Mittel für Milliarden-Beschaffungen, zum Beispiel Jäger 90, fehlen. Gefragt ist auf der Hardthöhe überdies Entscheidungsfreudigkeit, nicht gerade die stärkste Seite des Intellektuellen Riesenhuber, der gern gründlich denkt und lange bedenkt, was im Forschungsministerium nicht schadet, im Verteidigungsministerium aber – zumindest langes Bedenken – eher hinderlich ist. Daß der äußerst beständige Riesenhuber sein Ressort nicht ungern aufgibt, ist allerdings auch bekannt. Grund: Er müßte – seinen Neigungen zum Trotz – schon bald wieder die Ausgaben für die Kernenergie hochfahren. Demnächst steht nämlich der Abriß einiger Kernkraftwerke an, die Riesenhuber bezahlen müßte. Die Betreiber der ersten mit öffentlichen Mitteln errichteten Kernkraftwerke – zum Beispiel die in Lingen und Obrigheim. – hatten sich nämlich früher vertraglich ausbedungen, daß die Abrißkosten vom Staat übernommen werden.

Auch über Riesenhubers Nachfolge wird schon spekuliert. Naheliegend ist, daß dies auf den Staatsminister im Kanzleramt, Lutz G. Stavenhagen, zusteuert, der schon einmal als Parlamentarischer Staatssekretär im Forschungsministerium gedient hat und sich dort den Ruf eines stillen und sachverständigen Arbeiters erworben hat. Bei den Beamten ist er zudem sehr beliebt. Wie immer bei einem anstehenden Kabinettsrevirement wird auch über einen ganz neuen Zuschnitt des Forschungsministeriums nachgedacht. Die Rede ist, daß das Forschungsministerium nur noch für Grundlagenforschung, die Luft- und Raumfahrt sowie die Kernenergie zuständig sein soll. Die Gesundheitsforschung soll Gesundheitsministerin Rita Süssmuth bekommen, die Umweltfragen werden sämtlich bei Umweltminister Klaus Töpfer ressortieren, und die Mikroelektronik soll ins Wirtschaftsministerium verlegt werden. Von dort käme zwecks Komplettierung des verbleibenden Rumpfministeriums die Subventionierung des Airbusses. Als extreme Lösung wird außerdem wieder einmal diskutiert, das Forschungsministerium mit dem Bildungsministerium zusammenzulegen.

Der Leitende Ministerialrat im Mainzer Kultusministerium, Bernhard Früh, hat für Helmut Kohls Mitschüler Lothar Wittmann, Seiteneinsteiger im Auswärtigen Amt und dort jüngst zum Unterabteilungsleiter aufgestiegen, Partei ergriffen (siehe Bonner Kulisse vom 11. März 1988). In einem Brief an die ZEIT weist Früh auf Wittmanns berufliche Qualifikationen hin, die weit über die bloße Bekanntschaft mit Helmut Kohl hinausreichen: Zweite Lehrer-Staatsprüfung mit Auszeichnung, drei Jahre Schuldienst, fünf Jahre Europäische Schule in Brüssel, sieben Jahre Leiter der Deutschen Schule in Brüssel und dann: "Auf Vorschlag des belgischen Außenministers hat seine Majestät, der König der Belgier, Herrn Dr. Wittmann aufgrund seiner besonderen Verdienste um die deutsch-belgische kulturelle Zusammenarbeit zum Chevalier de l’Orde de la Couronne ernannt. Herr Dr. Wittmann war der erste Leiter dieser seit 1803 bestehenden Schule, dem diese Auszeichnung zuteil wurde."

Wolfgang Hoffmann