Von Hanns-Bruno Kammertöns

Es sind diese Winterreifen. Gerhard Berger sagt, daß er nicht schneller fahren könne. Die Nadel des Tachometers hat sich bei gut 250 eingependelt, und wir befinden uns auf der linken Spur der Autobahn nach Wien.

Verabredet hatten wir uns im Büro seiner Spedition in Wörgl. Gerhard Berger hatte hinter einem aufgeräumten Schreibtisch gesessen. Auf den Schränken standen große und eher häßliche Pokale von Siegen in Australien und Japan, an der Wand gegenüber hing ein Brief von Enzo Ferrari. Ich hatte Berger danach gefragt, aber er sagte, daß er ihn nicht übersetzen könne. Etwas später schlug er vor, gemeinsam zu dieser Autogrammstunde zu fahren.

Weit zurückgelehnt sitzt Gerhard Berger hinter dem Steuer des Wagens, den ihm eine deutsche Autofirma zum Abschied nur allzugern überließ. Der Rennfahren ist schmächtig. Wer ihn nicht kennt, könnte ihn auch für einen Jockey halten. Er trägt Jeans und Turnschuhe, das Lenkrad hält er mit einer Hand. Mit der anderen bedient er die Tastatur des Telephons. Der Anruf gilt seiner Firma, es ist der erste von vielen an diesem Tag. Sein Problem sei die Zeit, sagt Berger. Das Unternehmen, das ihm sein Vater vor acht Jahren kaufte – sechs Lkws, zehn Leute – floriert. 80 Mitarbeiter beschäftigt er heute, und ihn beschäftigt die Formel I.

Bis zu 16 Große Preise im Jahr, 70 000 Testkilometer vor und während der Saison, dazu Werbedienste für Sponsoren, „die dich ausschlachten, wenn du Erfolg hast“. Am Ende ging es nicht mehr ohne ein eigenes Flugzeug. Der zweistrahlige Jet steht in Innsbruck und war in den letzten sieben Monaten 320 Stunden in der Luft.

Während draußen die oberösterreichischen Seen am Fenster vorbeijagen, erzählt Berger, daß er viel Glück gehabt habe im Leben. Damals der Unfall, nicht auf einer Rennstrecke, sondern auf einer Tiroler Landstraße. Er war nicht angeschnallt, als die beiden Wagen zusammenkrachten. Berger überschlug sich und wurde durch das Heckfenster auf die Straße geschleudert. Sein Leben habe er wohl den beiden Notärzten aus München zu verdanken, die zufällig zur Stelle waren. Sie erkannten einen Halswirbelbruch und wußten, was zu tun war. Die Narbe oberhalb des Kragens ist deutlich zu sehen.

Bisweilen klingen Bergers Schilderungen seltsam lakonisch. Fast so, als wäre es das Ergebnis einer Zwangsläufigkeit, daß er damals mit dem Leben davonkam und heute – 29 Jahre alt – als Favorit für die Formel I-Weltmeisterschaft gehandelt wird. Am 3. April geht er wieder auf die Piste, zum Großen Preis von Brasilien in Rio de Janeiro.