Die tschechoslowakische Staatsmacht versucht, den Ruf nach Glaubensfreiheit gewaltsam zu unterdrücken.

Am vorigen Freitag lösten Sprühwagen der Straßenreinigung eine Demonstration von zweitausend Katholiken in der slowakischen Hauptstadt Bratislava auf. Die Demonstranten hatten sich vor dem Nationaltheater versammelt und Kerzen angezündet; sie sangen Kirchenlieder und forderten in Sprechchören mehr Religionsfreiheit und die Besetzung der vakanten Bistümer. Die Polizei ging mit Schlagstöcken, Hunden und Tränengas gegen die nicht genehmigte Kundgebung vor und nahm etwa hundert Demonstranten für mehrere Stunden fest. Auch die Mitarbeiter der Fernsehteams vom ARD-Studio in Prag und des österreichischen Fernsehens wurden vorübergehend in der Polizeikaserne festgesetzt, ihr Filmmaterial beschlagnahmt.

Auslöser für verschiedene religiöse Manifestationen in den vergangenen Wochen ist die schwierige personelle Lage der katholischen Kirche in der ČSSR. Nach dem Tod von Bischof Gabris und Bischof Vrana im Herbst letzten Jahres sind

zehn der insgesamt dreizehn Diözesen ohne bischöfliche Leitung. Zwei von Rom ernannte Bischöfe dürfen nicht amtieren. Obwohl der Vatikan und die Prager Regierung in den letzten Monaten eine rege diplomatische Aktivität entwickelten, blieben die Verhandlungen bisher ohne Erfolg.

Im Streit um die Religionsfreiheit zeichnet sich eine in dieser Form bisher unbekannte Machtprobe zwischen Gesellschaft und Regierung in der Tschechoslowakei ab. Besonders deutlich wird dies an einer seit Anfang des Jahres laufenden Unterschriftenaktion. 200 000 Menschen sollen sich daran beteiligt haben. In einem 31-Punkte-Katalog werden die Grundfreiheiten von Christen eingeklagt: Katholiken dürften nicht länger am Arbeitsplatz diskriminiert, die Verbreitung religiöser Schriften dürfe nicht länger als illegal verfolgt werden, heißt es da. Wie schon in anderen Ländern Osteuropas scheinen sich jetzt auch in der Tschechoslowakei Christen und Mitglieder von Bürgerrechtsbewegungen in der Verteidigung gemeinsamer Grundrechte zusammenzufinden – offenbar ein auch von der Regierung so eingeschätzter Sprengsatz, den sie im Keim zu entschärfen sucht. H.H.