Von Kurt Hoffman

Aus dem Umbruch, dessen Zeugen wir tagtäglich sind, gibt es kein Zurück zum Alten, Gewohnten. Dieser Bewußtseinswandel ist vielleicht nur mit dem zu vergleichen, was sich vor zweieinhalb Jahrtausenden in der „Achsenzeit“ (das Wort stammt von Karl Jaspers) ereignete, als sich der Übergang vom archaisch-mythischen zum rationalen Bewußtsein gleichzeitig an den verschiedensten Orten der Welt ereignete. Es war das Zeitalter Buddhas, Konfuzius’ und Laotses (im Osten), der Vorsokratiker und der Propheten des Alten Testaments (im Westen). Was sich damals über lange Zeit vollzog, erkennen wir heute aus der Perspektive der Geschichte; dem, was sich heute abzeichnet, sind wir hingegen zu nah, als daß wir die groben Zusammenhänge klar erkennen und beschreiben können.

Am klarsten kommt das, was man den „Paradigmenwechsel“ genannt hat, der Wechsel von einem nicht mehr den Erfahrungen entsprechenden, streng rationalistisch ausgerichteten Denksystem zu einem erweiterten, den neuen wissenschaftlichen Entdeckungen Rechnung tragenden, in den Naturwissenschaften zum Ausdruck. Wohl wird in der Schule heute noch immer ein weitgehend mechanistisches Weltmodell verteidigt, das im wesentlichen aus dem 17. Jahrhundert stammt und mit den Namen Newton und Descartes verbunden ist. Seine Kennzeichen sind die Unzerstörbarkeit der Materie und das Wirken der Gravitation zwischen ihren Teilen in einem mathematisch beschreibbaren, dreidimensionalen Raum und in einem berechenbaren, gleichmäßigen, linearen Zeitablauf. Schon um die Jahrhundertwende hat aber die Physik selbst die Voraussetzungen für diesen streng determinierten physikalischen Kosmos in Frage gestellt. Seit der Entdeckung der Relativitätstheorie durch Einstein, seit der Postulierung der Quantenmechanik wie auch Werner Heisenbergs Unschärferelation ist die Gültigkeit des mechanistischen Paradigmas für die Bereiche der sehr kleinen wie der sehr großen Dimensionen, also der Kern- wie der Astrophysik, außer Kraft gesetzt.

Der meßbaren, materiellen Welt steht nicht mehr ein wahrnehmendes, beobachtendes Bewußtsein gegenüber, sondern das Bewußtsein erscheint von allem Anfang an selbst in die Struktur des Universums auf geheimnisvolle Weise miteingewoben zu sein. Der Physiker Niels Bohr setzte Materie letztlich gleich Bewußtsein; so gesehen ist der Kosmos eine geistig-materielle, wesentlich dynamische Einheit; die Welt ist ein System von miteinander untrennbar verbundenen, aufeinander einwirkenden, stets bewegten Komponenten, in dem der Beobachter Teil des Ganzen ist. Geist und Materie sind nur zwei Aspekte der gleichen Grundsubstanz. Was als stabile, sinnlich wahrnehmbare Welt erscheint, ist eine Illusion – sie ist nicht das, wofür sie der „gesunde Menschenverstand“ hält.

In den Worten von David Böhm, Einsteins in England lehrendem Lieblingsschüler: Was wir normalerweise wahrnehmen, ist die „explizite“, entfaltete oder aufgerollte Ordnung der Dinge, unter der jedoch eine völlig andersartige Ordnung liegt, die diese Schein-Wirklichkeit der „zweiten Generation“ hervorbringt. Es ist die der platonischen Ideenwelt wie auch der christlichen Theologie eines Nicolaus Cusanus – genau gesagt: seiner Lehre einer „impliziten“, eingefalteten oder eingerollten göttlichen Ordnung. In unserem Bemühen, Realität zu erkennen, versuchen wir, diese zu objektivieren, und übersehen dabei, daß wir das, was wir zu erkennen suchen, durch den Akt der Beobachtung und Beschreibung ipso facto verändern. Die wahre Natur der Dinge liegt in einer anderen Dimension, wo es weder Raum noch Zeit, weder „Dinge“ noch „Bewegung“ gibt, die sich daher der Messung und exakten Beschreibung entzieht und sich allenfalls der direkten Seinserfahrung erschließt.

Damit wird deutlich: Was sich heute in der Veränderung des Bewußtseins abzeichnet, ist ein epochaler Vorgang, der im wesentlichen religiös bestimmt ist – und der jenseits der Unterscheidung von westlicher und östlicher Geistigkeit liegt, und der in eine Begegnung der Weltkulturen einmünden könnte. Ähnliches gilt für die Begegnung von naturwissenschaftlichem und theologischem Denken: Es geht heute nicht mehr um neue, im engeren Sinn wissenschaftliche Lehren, sondern um neue Ausdrucksweisen ein- und derselben, Wissenschaft wie Religion gleichermaßen umfassenden Wirklichkeit. Wurde bisher das Nebeneinander von zwei Wahrheiten – die eine empirisch verifizierbar und streng rationalistisch geprägt, die andere religiösen Ursprungs und damit jenseits jeder wissenschaftlichen Beweisbarkeit – stillschweigend hingenommen, wird heute eine kategoriale Unterscheidung zwischen einer wissenschaftlich und einer religiös bestimmten Wirklichkeit weitgehend abgelehnt. Es war der Psychologe C. G. Jung, der den alchimistischen Begriff des unus mundus, der einen Welt-Substanz, aus der Tiefe verstaubter Folianten wieder an das Licht des kritischen Bewußtseins hob; er war es auch, der die moderne analytische Psychologie als wesentlich bestimmt von der Auseinandersetzung mit der sich jeder Definition entziehenden Gottheit sah.