Der große EG-Binnenmarkt hat sich vom spröden Thema für Spezialisten zu einem in der breiten Öffentlichkeit verankerten Begriff gemausert. Das magische Datum 1. Januar 1992, Chiffre für die Beseitigung aller Handelshemmnisse in dem dreißig Jahre nach seiner Gründung immer noch höchst unvollkommenen Gemeinsamen Markt, ist in die Schlagzeilen geraten. Praktische Beratung für Unternehmensstrategien nach 1992 ist mittlerweile ein florierendes Gewerbe.

Dennoch rennt keinesfalls offene Türen ein, wer die Verwirklichung des Binnenmarktes im vorgesehenen Zeitrahmen befürwortet. Zahlreich sind die Widerstände dort, wo die glatte Formel zur unangenehmen Förderung wird, alte Gewohnheiten und Besitzstände aufzugeben. Nur ein Beispiel für derartige Widerstände ist die hartnäckige Bremserrolle der Bundesregierung bei der Öffnung des gewerblichen Güterverkehrs für die ausländische Konkurrenz. Es besteht durchaus die Gefahr, daß die Europäer die theoretisch möglichen Vorteile des Binnenmarktes verspielen, indem sie ihn nur noch schleppend und höchst verzerrt in die Wirklichkeit umsetzen.

Eine von der EG-Kommission in Auftrag gegebene Studie, der Ceccini-Bericht, stellt jetzt die Chancen des Binnenmarktes, aber auch die Bedingungen seiner Realisierung präzise dar. Was hier mittel- bis langfristig als möglicher Effekt angegeben wird, ist schon beeindruckend: Wohlfahrtsgewinne von 4,5 bis 7 Prozent des gemeinsamen Bruttosozialproduktes, 1,75 bis fünf Millionen neue Arbeitsplätze, ein jährliches Wachstumsplus von einem Prozent und die Senkung der Verbraucherpreise um sechs Prozent, dies alles ohne Belastung der öffentlichen Haushalte oder der Handelsbilanz. In solchen Größenordnungen getraut man sich kaum zu denken. Doch die Binnenmarktanalytiker wuchern nicht mit Zahlen aus dem Schlaraffenland. Die Wachstums- und Preiseffekte leiten sie aus Sektoranalysen ab, in denen die Wirkungen eines wirklich freien Handels- und Dienstleistungsverkehrs geschätzt werden.

Ein Beispiel: Die Liberalisierung der Finanzdienstleistungen könnte für die Verbraucher in der Bundesrepublik Preissenkungen um zehn Prozent zur Folge haben. Die Autoren selbst weisen auf die Unsicherheiten hin, die zwangsläufig mit solchen Zahlenprognosen verbunden sind. Doch daß der Binnenmarkt einen qualitativen Sprung zu mehr Wohlstand bringen kann, dürfte mit dieser Untersuchung außer Zweifel stehen.

Wichtiger als die Auflistung dieser Zahlen ist ohnehin, daß die Studie erfreulich klar die Bedingungen nennt, die erfüllt sein müssen, wenn „1992“ ein Erfolg werden soll. Der Binnenmarkt wird nicht im Selbstlauf den Lebensstandard in der EG steigern. Erst wenn die bestehenden technischen, administrativen und juristischen Schranken fallen, schafft dies die Voraussetzungen dafür, daß die Produktivität von Industrie und Dienstleistungsgewerbe in der Gemeinschaft steigt. 1985 war die Industrieproduktivität in der EG noch um ein Drittel schwächer als die der USA.

Durch Marktöffnung, etwa bei öffentlichen Aufträgen, spart die Wirtschaft insgesamt viel Geld. Weil die Unternehmen größere Stückzahlen produzieren können, sinken die Stückkosten. Je nach Branche macht die Kostensenkung fünf bis zwanzig Prozent aus. Die Kehrseite der Medaille: Es muß zu Umstrukturierungen in sehr großem Maßstab kommen, von der Autoindustrie bis zur Telekommunikation werden Unternehmen miteinander verschmelzen oder ausscheiden, damit die verbleibenden Betriebe ihre Produktion erhöhen und Produktivitätsfortschritte realisieren können. Hier deutet sich ein Prozeß an, der durchaus mit dem Schrumpfen der Stahlindustrie vergleichbar ist.

Wenn aber weniger leistungsfähige Unternehmen aus dem Markt gedrängt werden, müssen die freiwerdenden Ressourcen in Wachstumsbranchen wandern. Das bedeutet die Umschulung von Arbeitskräften und ihre rechtzeitige Information über neue Berufsmöglichkeiten. Es kann im Extremfall auch heißen, daß ganze Industriebranchen in einer Region wegfallen, weil in einer anderen Region oder in einem anderen Land billigere Anbieter hochgekommen sind. Die Neuorientierung von Arbeitskräften und Kapital muß da, wo es zu Krisen kommen kann, durch staatliche Regional- und Sozialpolitik gesichert werden – Bedingung Nummer eins für die erfolgreiche Verwirklichung des Binnenmarktes.